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Hermann Vaske ist Dozent, Filmemacher und Autor. Spricht er nicht gerade vor Studenten der Trierer Hochschule über narrative Filme, tingelt er zwischen Frankfurt, London, Teheran. Städte, die für ihn alles sind. Außer Heimat. Er sagt von sich: „Ich arbeite viel.“ Menschen, die ihn kennen, sagen: „Er ruht nie.“ Seine Filme und Werbespots wurden unter anderem mit dem Grimme-Preis und einem Löwen in Cannes ausgezeichnet. Vor seiner Kamera standen schon Angelina Jolie, Sir Peter Ustinov und John Cleese. Am Sonntag um 17 Uhr läuft seine Dokumentation „Arteholic“ über den kunstsüchtigen Udo Kier im „Broadway“.

16 VOR: Sie sind gebürtig aus der Region um Oldenburg, in Berlin und Los Angeles haben Sie studiert. Seit dem Jahr 2000 unterrichten Sie an der Hochschule. Wieso Trier?

Hermann Vaske: Als ich sieben Jahre alt war, bekam ich „Ein Kampf um Rom“ geschenkt, der Roman hat mein Interesse für römische Kultur geweckt. Während des Latinums war ich zum ersten Mal in Trier, ich hatte also schon einen ersten Eindruck. Als damals noch die Fachhochschule eine Professur ausschrieb, kam ich wieder her.

16 VOR: Als Regisseur arbeiten Sie überall, Büros und Wohnungen haben Sie in Berlin und Frankfurt. Wie vereinbaren Sie Drehtage und Seminarplan?

Vaske: Ich versuche, die Filmarbeiten so gut wie möglich in die Semesterferien zu legen. Was natürlich nicht immer einfach ist.

16 VOR: Welche Themen beschäftigen Sie außerhalb der Seminarräume?

Vaske: Die Frage, wieso Menschen kreativ sind. Für mich ist das eine ewige Suche nach dem Stein der Weisen. Kreativität heißt nicht nur, Ideen zu haben und sie umzusetzen. Es bedeutet auch, darüber nachzudenken.

16 VOR: Für ein Buch mit dem Titel „Why are you creative?“ haben sie genau diese Frage unter anderem Steven Spielberg, Wim Wenders und David Bowie gestellt. Wie lautet Ihre persönliche Antwort?

Vaske: Neugier.

16 VOR: Trier ist für die Porta Nigra und die Kaiserthermen bekannt, in einem Atemzug mit künstlerischem Einfallsreichtum wird die Stadt selten genannt. Wie kann man das ändern?

Vaske: Mein Mentor, der Regisseur Paul Arden, hat mir eingebläut: „Wenn du mit den Besten mithalten willst, musst du von den Besten lernen.“ Es ist wichtig, die Region mit den internationalen Zentren der Kreativität zu vernetzen. Ich habe Paul mehrfach eingeladen, das letzte Mal haben wir einen Plakat-Wettbewerb mit der Hochschule ausgerichtet. Paul war Präsident der Jury und hat die Ausstellung in der Tufa eröffnet. Das schafft Aufmerksamkeit.

16 VOR: Der Effekt einer Ausstellung verpufft rasch. Was kann man längerfristig an der Hochschule tun?

Vaske: Ich bemühe mich, jedes Semester Top-Leute aus Berlin, Frankfurt, Hamburg oder London für einzelne Seminare einzuladen. Das verschafft dem Nachwuchs Zugang zu Praktika und Jobs. Ich denke, die Studenten sollten rausgehen und so viel wie möglich lernen, so lange sie jung sind. Auch Kreativarbeit. Später kehren sie im Idealfall zurück und wenden ihr Wissen an.

16 VOR: Trier inspiriert also nicht?

Vaske: Doch, Potenzial hat die Stadt. Es gibt durchaus interessante Charaktere. Die Lage in der Großregion ist ein riesiger Vorteil, in Luxemburg zum Beispiel ist die Filmszene rege. Das muss man enger verknüpfen.

Hermann Vaske mit seinem Protagonisten Udo Kier. Foto: Florian Luxenburger

Hermann Vaske mit seinem Protagonisten Udo Kier. Foto: Florian Luxenburger

16 VOR: Zuletzt haben Sie bei der Dokumentation „Arteholic“ Regie geführt. Auf dem Filmfest München feierte der Film Premiere, er erhielt das Prädikat „Besonders wertvoll“. Worum geht es?

Vaske: Wir begleiten den Schauspieler Udo Kier durch Museen und Ateliers in Europa. Es ist eine Art Roadtrip von Bonn, Köln, Paris über Frankfurt nach Kopenhagen und schließlich Berlin. Dort trifft er, der Kunstbesessene, Freunde und Weggefährten, die Künstler sind – Rosemarie Trockel, Marcel Odenbach, Jonathan Meese – und spricht mit ihnen über ihre Arbeit. Und die Vergangenheit.

16 VOR: Wann waren Sie zum letzten Mal privat im Museum?

Vaske: Vor zwei Wochen in London. Eine Schau von Anselm Kiefer.

16 VOR: Gibt es eine Trierer Ausstellung, an die sie sich gerne erinnern?

Vaske: „Konstantin der Große“ und Jonathan Meese, der Größte. 2007 hatte er eine Sonderausstellung im Karl-Marx-Haus, „Das Gruselkabinett des Dr. Erzmarx“. Außerdem viele Ausstellungen der Hochschule und natürlich die mit Paul Arden in der Tufa.

16 VOR: Wer hatte die Idee zu „Arteholic“?

Vaske: Ich war 2006 mit Dennis Hopper in München, wir mussten Zeit überbrücken, also besuchten wir die Pinakothek der Moderne. Er erzählte Anekdoten zu Künstlern, mit denen er gearbeitet hatte. Zu Andy Warhol. Zu Blinky Palermo. Zu Robert Rauschenberg. Ich habe einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung davon erzählt und der meinte: „Da wäre ich gern dabei gewesen“. Womit die Idee geboren war.

16 VOR: Daraus konnte nichts werden – 2010 ist Hopper an Krebs gestorben. Und nun?

Vaske: Dennis und ich hatten überlegt, die Reise mit seinem Sohn zu machen. Das wollte die Filmförderung nicht, weil der den Künstlern nicht auf Augenhöhe begegnet. Ein paar Monate später war ich in Cannes zu einer Filmpremiere. Hostessen haben die Leute animiert, auf Leinwände zu malen. Die meisten haben sich betrunken. Oder Handynummern getauscht und auf Anrufe gewartet, die sie nie bekommen sollten. Udo Kier hat vor einer Staffelei gesessen und mit bloßen Händen Farbe darauf geschmiert. Voll konzentriert. Da war mir klar: Das ist mein Arteholic. Das ist der Kunstsüchtige.

16 VOR: Wonach sehnen Sie sich?

Vaske (lacht): Wenn Sie mich fragen, was ich wirklich will? Überraschung. Ich will überrascht werden. In einer Szene trifft Udo Kier Lars von Trier, der damals nicht mit der Presse sprach. Von Trier blättert im Focus, als könne er Deutsch. Kier wälzt die Süddeutsche Zeitung, als interessiere es ihn. Das Schweigen ist sehr intensiv. Lars hätte ja auch Antworten schreiben können. Hat er aber nicht. Man spürt auch so, dass sich die beiden verstehen. Das ist ein Break. Die Szene überrascht.

16 VOR: In einer Szene sitzt Udo Kier in einem Pariser Restaurant und matscht mit einer Gabel in Tartar. Dabei zitiert er James Joyce, „Ein Portrait des Künstlers als junger Mann“. Als nächstes sieht man nur die Gabel, sie spießt das Foto eines Schweinchens auf. Wie so viele Szenen kann man auch die irrsinnig gut finden oder nur irrsinnig. Wie geplant ist der Wahnsinn?

Vaske: Udo ist ein Spielkind, das war seine Idee, wie so oft. Er hatte zuvor im Centre Pompidou gedreht und jeden Tag Tartar gegessen. Wir haben es für den Film eben nicht mit Senf, sondern mit Joyce gewürzt. Film ist eine kooperative Kunstform, häufig haben wir Gedanken zusammengeschmissen und am Ende ergab eins und eins drei. In einer anderen Szene steht er als lebendige Statue vor dem Reichstag, er selbst ist verhüllt, nicht das Gebäude. Diese Anspielung auf Christo stand beispielsweise so im Drehbuch.

Lars von Trier und Udo Kier in "Arteholic".

Lars von Trier und Udo Kier in “Arteholic”.

16 VOR: Wenn wenig geplant ist, kann viel schiefgehen. Sie hatten mit einem Team von neun Leuten nur zwei Wochen Drehzeit für sechs Städte in drei Ländern. Das klingt nicht nur ambitioniert. Wieso dieses Risiko?

Vaske: Wenn wir nicht zu Risiken bereit sind, sollten wir das Wort “kreativ” nicht mehr verwenden. Udo hat eine absolut verlässliche Präsenz vor der Kamera, da haben zwei Wochen gereicht. Viele Drehgenehmigungen hatten wir außerdem schon vorher besorgt.

16 VOR: Den Schauspieler Kier kennen wir als abgründigen wie kauzigen Charakter. Lars von Trier besetzt ihn regelmäßig in seinen Filmen, zu seinem 70. Geburtstag in diesem Jahr adelte die ZEIT ihn mit einem dreiseitigen Dossier. In „Arteholic“ ist Kier nicht nur besoffen von Kunst, sondern auch berauscht von sich selbst. Die Zusammenarbeit muss unfassbar anstrengend gewesen sein.

Vaske: War sie manchmal auch, weil er sehr spontan handelt. Es war Herausforderung und Privileg zugleich. Es wird nicht langweilig, jemanden zu beobachten, der auch in dem Alter seine kindliche Naivität nicht eingebüßt hat. Er telefoniert zum Beispiel mit seinen Hunden, wer macht das schon?

16 VOR: Welche Werke hängen in Ihrer Wohnung?

Vaske: Alte Filmplakate. Ein Bild von Jeff Koons, es zeigt den Kopf eines Schaukelpferdes, die eine Gesichtshälfte entgleitet. Und verschiedene Fotografien von Mondino und Corbijn.

16 VOR: Einmal abgesehen von den Kunstwerken an sich und den Gesprächen über Kunst, zitiert Kier Schillers Glocke, in wieder einer anderen Szene Goethes Faust. Diese ständigen Anspielungen stören bewusst. Wieso der schwere Zugang?

Vaske: Kunst muss speziell sein, das sagt der Film aus. When everybody zigs, zag!

16 VOR: „Arteholic“ lief bereits in Kassel, Frankfurt und Hamburg, Premiere war im Sommer. Am Sonntag wird er nun im Broadway zu sehen sein. Wieso erst jetzt?

Vaske: Das waren in der Regel Festivals oder der Film war auf Ausstellungen eingebunden. Sehr speziell also und vor allem geplant. Irgendwann haben mich Bekannte gefragt, ob ich ihn nicht auch in Trier zeigen wollte. Ja, warum eigentlich nicht?

16 VOR: Wieso lohnt der Besuch von „Arteholic“?

Vaske: Der Film zeigt eine unbekannte Seite von Udo Kier, eben nicht die als Filmbösewicht. Hier präsentiert er sich als lebendes Kunstwerk. Die Musiker Blixa Bargeld und Teho Teardo haben einen wahnsinnig schönen Soundtrack komponiert. Und darüber hinaus ist es immer wieder wert, in ein Museum zu gehen – auch auf der Leinwand.

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