Illustration: Teresa Habild_

Ursprünglich, so die biblische Sage vom Turmbau zu Babel, sprach die Menschheit nur eine Sprache. Einigkeit macht aber bekanntlich nicht nur stark, sondern auch übermütig und so beschlossen die Menschen, einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reichen sollte. Gott allerdings gefiel die Idee unangemeldeten Besuchs nicht besonders und er behalf sich mit einem simplen Trick, um den Turmbau zum Erliegen zu bringen. Er verursachte eine große Sprachverwirrung, die – wie auf jeder Großbaustelle, die von unterbezahlten Vertragsarbeitern aus aller Herren Länder beackert wird – zu Chaos und einem dauerhaften Baustopp führte. Der Abstieg der Menschheit und der gleichzeitige Aufstieg des Luxemburgers begannen. Denn wo keiner keinen versteht, braucht man Übersetzer und Vermittler. Luxemburger also, die aus der Not der Sprachverwirrung eine mehrsprachige Tugend gemacht haben. Denn während der gemeine Mitteleuropäer heutzutage im Durchschnitt anderthalb Sprachen beherrscht, sind es in Luxemburg derer gleich vier. Luxemburgisch, Deutsch, Französisch und Englisch gehören zum Standardrepertoire eines jeden, der das luxemburgische Schulsystem durchlaufen hat und oft treten dann noch weitere Sprachen hinzu – Portugiesisch oder Italienisch beispielsweise.

Und so kommt es, dass in einem Staat, der in etwa die Größe des Saarlandes hat, eine Sprachverwirrung, ein linguistisches Tohuwabohu, ein gequatschtes und geschriebenes Großdurcheinander herrscht, das man ansonsten nur noch im “Irish Pub”, bei in Zungen redenden Pfingstlern oder an einem verkaufsoffenen Sonntag in der Trierer Fußgängerzone erleben kann. Luxemburger funktionieren dabei wie linguistische Chamäleons¹, die sich blitzschnell ihrer akustischen Umgebung anpassen können. Sie schalten je nach Bedarf mitten im Satz, im Notfall auch mitten im Wort einfach um und wechseln fließend von einer Sprache in die nächste. Dem unbedarften Zuhörer kann das schon mal einen unschönen Knoten ins Hirn knüpfen, der sich nur mit Hilfe nicht unerheblicher Mengen „Vianer Nëssdröpp“² wieder lösen lässt.

Zupass kommt den luxemburgischen Sprachchamäleons dabei natürlich, dass Luxemburgisch eng mit dem moselfränkischen Dialekt verwandt und mit starken französischen Einsprengseln versehen ist – Franko- und Germanophonie wird den meisten Luxemburgern also schon in der „Mammesprooch“ mitgegeben. Anders als das „Schwiizerdütsch“ den Schweizern gilt das „Lëtzebuergische“ den Luxemburgern dabei keinesfalls als Dialekt, sondern als Nationalsprache, die einen wichtigen Teil der luxemburgischen Identität ausmacht. Luxemburger ist, wer Luxemburgisch spricht. Doch das tun – so zumindest die Wahrnehmung vieler Luxemburger – immer weniger Bewohner des Ländchens.

Im Geschäft Portugiesisch, im Restaurant Französisch, im Job Englisch und im Fernsehen dann Deutsch – so sieht tatsächlich für viele der sprachliche Alltag aus. Aber während 1993 der großartige Jimmy Wagner mit seiner Band „Footsteps“ noch das Verlassen Luxemburgs auf Englisch beklagen musste („Luxembourg I’m coming back“) und die Band „Modern Times“ beim Eurovision Song Contest auf Französisch um eine Chance für sich und ihr Land bettelten („Donne-moi une chance“), kann heute Serge Tonnar selbstbewusst auf Luxemburgisch sagen „Ech si Lëtzebuerg“ und „De Läb“ rappen in einem Luxemburgisch-Englisch-Panasch, dass dem RTL-Sprachpuristen „De Sproochmates“ Hören und Sehen vergeht.

Die linguistischen Graben- und Definitionskämpfe, was nun genau eine Sprache ist und was noch Dialekt sei, interessieren die meisten Luxemburger dabei herzlich wenig. Letzlich gilt die pragmatische Gewissheit, dass eine „Sprache“ nie viel mehr ist, als ein Dialekt plus Armee. Und das dürfte der eigentliche Grund dafür sein, dass man sich im Ländchen ein Freiwilligenheer von 430 Mann leistet. Zwar ist das Militärmuseum in Diekirch deutlich schwerer bewaffnet [dort stehen immerhin zwei (fahruntüchtige) Panzer der Amerikaner aus dem zweiten Weltkrieg] als das Luxemburger Heer, und viele trauen im Zweifelsfall jeder uniformierten Gruppe mit der Schlagkraft der Freiwilligen Feuerwehr Ehrang die handstreichartige Besetzung Luxemburgs zu, aber in der Armee wird Luxemburgisch gesprochen und deren inoffizielles Motto „En Uerder as keng Diskussiounsgrondlag!“³ hätte beim Turmbau zu Babel sicher tüchtig geholfen.

Statt Türme zu bauen, garantiert die Armee heute aber vor allem das Überleben des „Lëtzebuergischen“ – und das der Militärmusik: Die Militärkapelle ist mit 50 Mann die größte Einheit der luxemburgischen Armee. Für Unterhaltung in Babel wäre also gesorgt. Wir müssen uns den Bauherrn des Turms von Babel als einen glücklichen Luxemburger vorstellen.

Tom Lenz

¹ (c) Jerome Jaminet
² Nußschnaps aus Vianden
³ „Ein Befehl ist keine Diskussionsgrundlage!“

Hier geht es zum vorherigen Teil der Trier-Luxemburg-Kolumne “Pendler pauschal”: “Global denken – lokal trinken”.

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