Zäher Sack (rechts) und Frank P. Meyer (2.v.r.) mit Boxern vom Polizeisportverein. Foto: Herrmann Backes

Ich hab den Mann gefunden, der im Duracell-Hasen steckt! Der Typ boxt beim Polizeisportverein in Trier-West! Aber der Reihe nach. Der Backes Herrmann ist begeistert, weil ich mich endlich einem heroischen Sport zuwende: „Du wirst noch ein zweiter Raketenpit“ (Trierer Box-Legende). Ich also zur Kurfürst-Balduin-Schule, wo ich die Kellertreppe hinabsteige. Das Boxtraining findet in der Souterrainhalle statt. Der Putz bröckelt von den Wänden. Genau die richtige Kulisse, um die Fortsetzung des Trierer Film-Epos Freck langsam zu drehen (ja, Teil II spielt tatsächlich im Boxer-Milieu in TR-West).

Als ich mich umblicke, wundere ich mich, weil ich von zehnjährigen Pänz mit Spaghetti-Ärmchen bis zu Ü-50-Mannsbildern mit gediegenem Waschtrommelbauchansatz sämtliche Altersgruppen sehe. Wahrscheinlich heißen alle hier Wladimir oder Vitali, denke ich, sicher zu Unrecht.

Der Trainer, Peter Stockreiser, bietet mir gleich das Du an und reiht mich in die erste Übung ein, zwischen Cem und Wasili. Die erste Trainingseinheit ist: Seilhüpfen. Wenn das der Herrmann wüsste. Was bitte ist heroisch am Seilhüpfen? Der Trainer erklärt motivierend: „Wir üben das so lange, bis wir‘s besser können als die Mädchen!“ Keine Bange, ich bin nicht in der Männerselbsthilfegruppe gelandet. Hier geht’s um Hochleistungsseilspringen. Damit übt der Boxer die Leichtfüßigkeit, die er braucht, um den Gegner auszutänzeln. Während des Hüpfens bewegt man sich nämlich nach vorn und nach hinten, mit Fußwechseln, und das alles in einer Mordsgeschwindigkeit.

„Wichtiger als pure Kraft ist Schnelligkeit, Beweglichkeit und Präzision“, erklärt der Trainer. Nach wenigen Minuten habe ich die isotonische Gesamtbilanz von zwölf Bier und acht Viez-Limo ausgeschwitzt, also die Gesamtration der letzten drei Tage.

Die herumwirbelnden Springseile erfüllen den Kellerraum mit einem surrenden Geräusch, das nur von einem hämmernden, ununterbrochenen Poff-poffpoff gestört wird. Ich suche nach der Quelle dieses Geräuschs, und da sehe ich ihn: den Mann am Sandsack. Erinnern Sie sich an die Werbung mit dem Duracell-Hasen, der stundenlang auf seine Trommel hämmert oder viel länger boxt als die Stoffhasen mit Normalbatterie? Dieser Duracell-Hase wurde nicht, wie die Werbung uns weismachen will, von einer Batterie betrieben. Da steckte ganz sicher dieser Boxer aus Trier-West drin. Er macht keine Pause, unterbricht nicht einmal für wenige Sekunden, sondern bearbeitet unermüdlich seinen Sandsack. Linke Gerade, rechte Gerade, kurzer Haken – poff-poffpoff.

Als nächste Beweglichkeitsübung folgt: Basketballdribbeln. Aber nicht mit einem Basketball, sondern mit einem Tennisball. „Früher“, erzählt Peter, „haben wir diese Übung mit einem Flummi gemacht.“ Das flößt mir mehr Respekt ein, als wenn er behauptet hätte „dabei hatten wir einen 20-Kilo-Rucksack auf dem Buckel“. Ein Flummi springt nämlich noch hektischer herum als ein Tennisball, und schon den kriege ich kaum gebändigt, als ich mich mit dem dotzenden Sportgerät frei im Raum bewege. Im Hintergrund drischt – poff-poffpoff – der Duracellmann weiter auf den Sandsack ein.

Die beim Seilspringen und Flummi-Dotzen trainierten Bewegungsabläufe sollen wir dann beim Schattenboxen anwenden. Hierfür hat der Boxverein mehr Spiegel als jeder Schönheitssalon. Aber mit meinem scheint etwas nicht zu stimmen: Er zeigt meine Links-Links-Rechts-Kombinationen viel langsamer als sie in Wirklichkeit sind. Außerdem hampelt der Typ in meinem Spiegel viel uncooler rum als die Boxer in den Nachbarspiegeln. Peter zeigt mir, wie ich ruhig aber effektvoll aus der Schulterbewegung herausboxe. Nicht einmal der Spiegel kommt bei seinen schnellen Bewegungen mit, also macht er sie für mich erst in Zeitlupe, dann ich Echtzeit. Vor meiner Nase. Er wird mich doch nicht wirklich boxen? Ich bin Brillenträger! Aber er schafft es jedes Mal, anderthalb Nanomillimeter vor meiner Nase abzubremsen. Einen Augenblick sehe ich dann nichts, weil ich die Augen schließe. Aber selbst, wenn ich sie aufließe, hätte ich keine gute Sicht, denn Peters Faust ist größer als eine ausgewachsene Bärentatze.

Danach darf ich endlich jemanden verdreschen, nämlich einen Sandsack. Der hat den Vorteil, dass er nicht zurückzuschlägt. Stillhalten will er aber auch nicht. „Den Sack immer bearbeiten! Dranbleiben! Und ausweichen!“, ruft der Trainer uns zu – also vor allem mir –, denn Flo und Cem neben mir tänzeln gekonnt um den schwingenden Sandsack herum. Meiner ist besonders beweglich und lässt sich von den halbherzigen Links-Rechts-Haken kaum zurückdrängen, kommt unverzüglich wieder auf mich zu und zwingt mich zum Ausweichen. Nach fünf Minuten verstehe ich, warum selbst Profi-Boxer irgendwann anfangen, zu klammern. Auch ich will den Sack am liebsten einfach umarmen, damit er endlich stillhält und ich ihn nicht weiter bearbeiten muss. Poff-poffpoff!

Foto: Herrmann Backes

Foto: Herrmann Backes

„Im Training für die Kleinen haben wir etliche hyperaktive Kinder“, erläutert der Trainer, und ich ahne schon, was er mir sagen will: Dass die Eltern nach einem ordentlichen Box-Training mal zwei Tage Ruhe haben. Zum Glück bin ich nicht in Tier-West aufgewachsen, meine Eltern hätten mich sicher dreimal die Woche in der Kurfürst-Balduin-Kellerhalle abgegeben. Andererseits wäre ich dann heute ein veritabler Boxer, mit Bärentatzenfäusten.

Ich erfahre, dass viele Kinder ins Boxtraining kommen, die soziale oder psychische Probleme haben. „Deshalb findet das Training ja auch in Trier-West und nicht auf dem Petrisberg statt“, meint der Herrmann später dazu. Auch ein paar Mädchen kommen zum Boxen, gerade sind zwei vom Helenenberg aktiv dabei. „Wenn die es schaffen, regelmäßig zweimal die Woche ordentlich mitzutrainieren, bringt sie das in Sachen Selbstdisziplin einen entscheidenden Schritt weiter“, versichert mir der Trainer. Beim PSV boxen insgesamt etwa 90 Jugendliche und Erwachsene, ein halbes Dutzend davon sind Frauen. Und fast die Hälfte aller Aktiven sind Studenten. „Auch die müssen irgendwie ihren Frust abbauen!“ Das lasse ich mal so stehen. Poff-poffpoff.

Und wann wird geboxt? So richtig mit Sparringspartner? Heute gar nicht. „Du brauchst mindestens ein Jahr, bis du soweit bist“, erklärt mir Flo, der auch erst seit wenigen Monaten boxt. „Die erfahrenen Boxer sind so wahnsinnig schnell, dass du als Anfänger keine Chance hättest.“ Da hat er sicher Recht, wenn ich bedenke, dass ich schon Schwierigkeiten habe, dem schwingenden Sandsack auszuweichen.

Apropos Sandsack: Meine Akkus sind so leer, dass ich zehn Minuten vorm offiziellen Trainingsschluss die Halle verlasse. Ich blicke mich noch einmal um, und da ist er immer noch, der Duracell-Mann, der – poff-poffpoff – auf den Sandsack hämmert. Ist der Typ wirklich echt? Ist das vielleicht nur eine Installation, die doch mit Batterien läuft? Aber da hält er einen Moment inne, winkt mir zu und ruft: „Bis zum nächsten Mal vielleicht, komm ruhig wieder vorbei, wenn du deine Batterie so richtig aufladen willst!“

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