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Die Frau macht es einem nicht leicht. Kaum habe ich sie für ihre Konsequenz gelobt und, eher nebenbei, leise Kritik eingeflochten, da fällt Simone Kaes-Torchiani mir auch schon ins Wort: „Was hätte ich denn machen sollen?“, ruft sie mehr als dass sie es sagt. „Herr Stölb, die Stadt hat nun mal kein Geld!“. Unausgesprochen steht jetzt im Raum: „Seien Sie doch so gut und begreifen es!“. Und weil die Stadt kein Geld hat, könnten sich die Bürger natürlich vieles wünschen, fährt sie fort. Nur sage sie diesen dann klipp und klar, dass das meiste nie umgesetzt werde.

So geschehen vor ein paar Monaten in Trier-Ost. Ich war nicht dabei, doch mehrere Teilnehmer wussten noch Wochen später zu berichten, wie es bei ihnen ankam, als Kaes-Torchiani gegen Ende der Versammlung noch einmal das Wort ergriff: „Da sitzt du stundenlang zusammen und machst dir Gedanken und hast Ideen, und hinterher sagt dir die Frau, dass das alles für die Katz war“, fasst eine Teilnehmerin frustriert zusammen.

Kaes-Torchiani redet nicht drum herum, kommt auf den Punkt und macht rasch deutlich, wie sie zu einer Sache steht. Ist ihr etwas wichtig, zieht sie es mit aller Konsequenz durch. Die Frau ist mit Leidenschaft dabei, und würde der Begriff nicht derart inflationär und oft auch beliebig verwandt, man würde sie eine „Powerfrau“ nennen. So weit die positive Lesart. Kaes-Torchiani redet drauf los, ist von einem einmal gefassten Standpunkt nicht mehr abzubringen und macht rasch deutlich, dass ihr mit guten Argumenten keiner mehr zu kommen braucht – mit schlechten natürlich erst recht nicht. Ist ihr etwas nicht wichtig, verschleppt sie es mit aller Konsequenz. Die Frau ist stur, und würde der Begriff nicht derart inflationär und oft auch beliebig verwandt, man würde sie einen „Sturkopf“ nennen.

Ende April tritt die wohl umstrittenste Frau der Trierer Stadtpolitik offiziell ab – gegen ihren Willen und auf Wunsch der eigenen Partei. Die CDU, daran muss erinnert werden, hob sie 2007 als Kandidatin auf den Schild. Und weil damals, in der Endphase der Regentschaft des Langzeit-OB Helmut Schröer (CDU), die Bande zwischen Union und UBM (heute FWG) noch funktionierten, kam sie ins Amt. Dabei hatte es an kritischen Hinweisen nicht gemangelt und meinte ein Unternehmer gar im letzten Moment, mittels Brandbrief vor ihrer Wahl warnen zu müssen. Ohne Erfolg, CDU und UBM setzten Kaes-Torchiani durch und Schröers Nachfolger Klaus Jensen (SPD), der offen eine andere Bewerberin favorisiert hatte, damit Grenzen. Doch das Kalkül der CDU ging nicht auf.

Der Stadt und nicht der Partei verpflichtet

Kaes-Torchiani sah sich von Beginn an der Stadt und nicht ihrer Partei verpflichtet. In der Denke eines parteipolitisch tickenden Menschen gesprochen: Die Frau lief aus dem Ruder, war nicht mehr steuer- und für viele aus der Union auch irgendwann nicht mehr erreichbar. „Wir haben alles versucht, aber es ist zwecklos“, meinte ein ihr anfangs wohlgesonnener Christdemokrat schon vor Jahren. Doch damit nicht genug: Immer häufiger konnte Kaes-Torchiani mehr auf SPD und selbst Grüne bauen als auf die „eigenen“ Leute. Die Parteien, die der CDU mit der Wahl KTs ein parteipolitisches Spielchen vorgeworfen hatten, fanden nun Gefallen an ihr; und der war nicht nur dem Umstand geschuldet, dass die Frau mit ihrem Lager häufig über Kreuz lag.

Blickt man nüchtern auf ihre Bilanz, dann hat Kaes-Torchiani einiges bewegt in dieser Stadt. An allen Ecken und Enden wird gebaut, die von der EGP entwickelten Konversionsmaßnahmen Castelnau und Bobinet sind in vollem Gange, das Projekt „Castell Feuvrier“ am nordöstlichen Moselufer steht in den Startlöchern. In ihrer Amtszeit wurden mehr Radwege angelegt und Fahrradstreifen auf die Fahrbahnen markiert, als unter allen Vorgängern zusammen. Deshalb ist Trier mitnichten schon eine fahrradfreundliche Stadt, doch selbst der ADFC lobt die Verwaltung inzwischen – eine ganz neue Erfahrung. Etliche Straßen wurden ausgebaut, und als die „Bitburger“ eine zusätzliche Fahrbahn bekam und hierfür ein Teil der Sandsteinfelsen weggesprengt wurde, blieb das große Chaos aus und wurde die kalkulierte Bauzeit nicht nur eingehalten, sondern unterboten.

Dass einige Vorhaben noch nicht umgesetzt sind, mag man nicht nur ihr vorwerfen. Im Gegenteil: In der Loebstraße bremsten Anlieger, allen voran jener besagte Unternehmer, der vor Kaes-Torchianis Wahl gewarnt hatte. Heftigen Widerstand gab es von automobilen Zeitgenossen, die für die Anlage eines Fahrradwegs entlang der viel befahrenen Loebstraße keinen Bedarf sahen. Doch auch hier blieb Kaes-Torchiani konsequent – ihre Kritiker würden sagen, stur.

Denn auch das gehört zur Wahrheit in diesen Zeiten, da Politikern wahlweise vorgeworfen wird, entweder nicht zu entscheiden oder, wenn sie sich einmal entschieden haben und eine Entscheidung durchsetzen wollen, nicht auf die Bürger zu hören. Eine Entscheidung, die vor ihrem Amtsantritt von den Ratsmitgliedern getroffen worden war, hätte das Aus für eine Tankstelle in der Ostallee bedeutet. Als sich das Ende des laufenden Pachtvertrags abzeichnete, trat ein Facebook-Aktivist auf den Plan und rief die Aktion „Rettet die Blaue Lagune“ aus. Binnen weniger Tage formierte sich in den Sozialen Netzwerken eine Protestlawine. Der Tenor: Wieder einmal werde „über die Köpfe der Menschen hinweg“ entschieden, obendrein würden Arbeitsplätze vernichtet und bringe sich die Stadt um Steuereinnahmen. Dass, ebenfalls lange vor ihrem Amtsantritt, Bürger in einem mehrtägigen Workshop Ideen für die Zeit nach der Tankstelle entwickelt hatten und ein jeder sich hieran hätte beteiligen können, wollte niemand hören und lesen. Und die, die damals mitentschieden, bekamen zu einem Großteil kalte Füße und kippten die ursprüngliche Entscheidung.

Für städtebauliche Qualität

Für Menschen wie Kaes-Torchiani ein Fall von Rückgratlosigkeit par excellence. Für die Lagunen-Lobby ein in ihren Augen seltener Fall von politischer Lernfähigkeit. Wo verläuft die Grenze? Natürlich kann man eine Entscheidung korrigieren, wenn es neue, überzeugende Argumente gibt! Aber zu glauben, ein paar Klicks im Netz dürften frühere Prozesse umstoßen und „der Wähler“ werde das auch goutieren, entspricht nicht KTs Vorstellung von Politik und ist auch einigermaßen naiv. Wie nicht nur sie bis heute nicht nachvollziehen kann, dass inmitten des Alleenrings und in Sichtweite von Dom und Liebfrauen eine Tankstelle hingesetzt werden konnte. Städtebauliche Qualität war ohnehin eines ihrer Lieblingsthemen, und auch hier unterschied sie sich von vielen ihrer Vorgänger. Ungezählte Bauvorhaben ließ sie stoppen und verlangte Nachbesserungen. Das bei etlichen Investoren vorherrschende Prinzip, maximale Ausnutzung von Flächen müsse Vorrang haben vor architektonischer Qualität, ließ sie nicht durchgehen. Dann legte Kaes-Torchiani sich lieber mit den Investoren an. Städtebauliche Verbrechen der jüngeren Vergangenheit wie etwa das „Alleencenter“ hätte es mit ihr wohl nicht gegeben.

Doch warum dann die Abwahl, denn nichts anderes war die Wahl ihres Nachfolgers aus derselben Partei? Wurde Kaes-Torchiani das Opfer parteipolitischer Ränkespiele und führender „Parteifreunde“ wie Ex-Kreischef Bernhard Kaster und Ratsfraktionschef Dr. Ulrich Dempfle? Auch, aber nicht nur. Die Frau ist auch ein Opfer ihrer selbst und ihrer unterentwickelten Neigung, skeptische und kritische Menschen für ihre Vorstellungen zu gewinnen und zu begeistern. Die 59-Jährige trifft, im doppelten Sinne des Wortes, oft nicht den richtigen Ton und stößt bisweilen auch Menschen vor den Kopf, die ihr anfangs noch neutral gegenüber traten.

Kaes-Torchiani kann herablassend sein und ist nur so lange offen, wie sie selbst schon von etwas überzeugt ist. Das ist bedauerlich, denn mit ihr war es nie langweilig. Mit Kaes-Torchiani konnte man sich herrlich streiten und Humor hat die Frau auch – eine der ganz wenigen Eigenschaften, die sie mit Klaus Jensen teilt. Als der ehemalige OB in der letzten regulären Sitzung des Stadtrats vor dem Wechsel zu Wolfram Leibe und Andreas Ludwig (oben im Bild) Kaes-Torchiani verabschiedete, legte er eine rhetorische Gratwanderung hin: Die Baudezernentin sei zwar nicht von der Sorte Mensch, die eine Diplomatenschule besucht haben könnte, merkte Jensen an, aber sie sei immer an der Sache orientiert und auf Qualität aus gewesen. Zwei Tage später, auf einem SPD-Parteitag, meinte Triers Chefgenosse Sven Teuber noch eins draufsetzen zu müssen: Wie immer man zu ihr stehen möge, „die Frau hat einen Plan“ und „als Mensch schätze ich sie jeden Tag mehr“. Dass auch die Sozialdemokraten ihr bei ihrer Kandidatur für eine zweite Amtszeit jegliche Unterstützung versagten, obschon sie selbst keinen Bewerber aufboten und sich auch außerstande sahen, den CDU-Bewerber zu wählen – geschenkt!

„Es hat mir Spaß gemacht, in Trier für Trier zu arbeiten“, erklärte Kaes-Torchiani zum Abschied, und „ich bleibe in Trier“. Dann gab sie den Ratsmitgliedern noch etwas mit auf den Weg: „Der am lautesten schreit, setzt sich durch. Aber das ist nicht immer das Beste für die Stadt.“ Eine Leisetreterin war sie nie, doch am Ende setzte sich ein anderer durch. Ob er der Bessere für die Stadt ist, wird Andreas Ludwig ab Mai zeigen können.

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