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14 Studenten der Universität Trier sind am vergangenen Mittwoch nach Kenia geflogen. In den Slums von Nairobi wollen sie die Menschen dazu befragen, was sie für Medizin bezahlen, wann sie zu einem Arzt gehen, wann sie ihr Leiden selbst zu lindern versuchen. Und vor allem: wie. Am Ende der vier Wochen soll eine Studie zur Gesundheitsvorsorge in einem Teil des Elendsviertels Mathare stehen. Ein durchaus ambitioniertes Vorhaben.

In Mathare prasselt der Regen durch die Dächer der Wellblechhütten, die sich Apotheken schimpfen, aber Baracken sind. Dort kann man Kondome kaufen oder Pflaster. Selten beides. Die Gefahr, ein Kind bei der Geburt zu verlieren, ist enorm hoch. Weil die Kleinkinder im Dreck und mit Fäkalien spielen, steigt das Risiko einer Infektion. Viele überleben ihren fünften Geburtstag nicht. Wenn doch, dann haben die Eltern Glück gehabt oder es war Schicksal, dann kann man sich Familie nennen und wohnt in den eigenen vier Wänden – einem Zuhause aus Lehm oder Pappe. Mathare, das sind mehrere Slums in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Hier leben etwa 500.000 Menschen auf engstem Raum, den die Regierung nicht anerkennt. Sie haben auch deshalb nichts zu verlieren, weil sie in der Vergangenheit selten gewonnen haben. „Natürlich können wir nicht eben mal die Welt verändern“, sagt Manon Assa. „Trotzdem können wir es im Kleinen versuchen.“

Manon Assa ist 22 Jahre alt und gebürtig aus Luxemburg, an der Universität Trier studiert sie Soziologie und Englisch im fünften Semester. Gemeinsam mit 13 anderen Studenten, die Psychologie studieren, Geographie oder Volkswirtschaftslehre, flog sie am Mittwoch für vier Wochen nach Nairobi. Ziel der Reise: Gemeinsam mit Studenten der Kenyatta Universität wollen sie die Gesundheitsversorgung in einem Teil der Slums von Mathare beschreiben.

Johannes Michael Nebe betreut das Projekt. Er ist 73 Jahre alt und seit einigen Jahren pensioniert, einerseits. Andererseits engagiert er sich nach wie vor für die Politikwissenschaft an der Uni. Und für Afrika. Er ist schon häufig in Nairobi gewesen, die Armut erschrecke ihn jedes Mal aufs Neue. Doch unabhängig davon, wie aussichtslos die Lage scheint, müsse man helfen: „Zuerst geht das Herz, dann folgt der Verstand“. Er hat bereits fünfzehn Studien durchgeführt, in einer hat er etwa den Lärm auf den Straßen Nairobis gemessen, in einer anderen hat er mit Jugendlichen Wege aus der Arbeitslosigkeit gesucht.

Im vergangenen Sommer dann erzählte er an der Universität Trier von seinem aktuellen Projekt, Studenten konnten sich auf die Mitarbeit bewerben. Dass sie aus unterschiedlichen Fachrichtungen kommen, wollte er: So könne sich jeder mit seinen individuellen Kompetenzen einbringen. Dass Englisch als Amtssprache gilt, erleichtert ihre Arbeit.

Wenn die Deutschen am 30. März wieder zurück in die Heimat fliegen, wollen sie genug Informationen für ein so genanntes Mapping gesammelt haben. Das heißt: Wie auf einer Landkarte wollen die Studenten vermessen und markieren, wo in Mathare es Apotheken gibt und an welcher Weggabelung man welche Schmerzen näher untersuchen lassen kann. Auch sollen die Slumbewohner befragt werden, wie häufig sie zu Menschen gehen, die sich als Arzt bezeichnen, ohne notwendigerweise Medizin studiert zu haben, und woher sie dann die verschriebenen Medikamente bekommen und wie viel sie dafür bezahlen. „Die Leute helfen sich häufig selbst, weil sie sich Tabletten oder Tropfen nicht leisten können“, sagt Nebe. Während gekochte Baumrinde Bauchweh lindern mag, gelte es aufzuklären, dass bei epileptischen Anfällen, Typhus oder Tuberkulose weder Naturmedizin noch das Handauflegen selbsternannter Heiler hilft. Dass hierbei der Grat zwischen Beratung und Bevormundung ein schmaler ist, weiß er.

Dr. Johannes Nebe in einem Vorbereitungsgespräch mit seinen Studenten. Fotos: Marco Piecuch

Dr. Johannes Nebe in einem Vorbereitungsgespräch mit seinen Studenten. Fotos: Marco Piecuch

Entwicklungsarbeit muss immer auch kritisch hinterfragt werden, das, sagt Assa, wüssten sie und ihre Mitstudenten. Um sich auf die Reise vorzubereiten, hätten sie Filme geschaut, Essays gelesen, ihre Rolle hinterfragt. „Wir wollen eine Entwicklungszusammenarbeit“, sagt sie. Über den vier Wochen solle ein Wort stehen: Augenhöhe. Damit sie das nicht nur gut meinen, sondern auch gut tun, lassen sich die Studenten helfen: Die German Doctors – Ärzte, die weltweit ehrenamtlich arbeiten – unterstützen etwa die Entwicklung des Fragebogens und beraten vor Ort. Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung haben beraten. Zudem sind da auch die kenianischen Studenten, mit denen bereits in E-Mails Erwartungen und Hoffnungen geteilt würden. Männer und Frauen im selben Alter, die in Nairobi selbst leben und mit dem Elend in Mathare vertraut seien. Finanziert werden die vier Wochen durch Spenden. Die Trierer Studenten haben bei der Uni selbst angefragt, bei Firmen in der Stadt, auch eine Afrika-Party Mitte Januar brachte Einnahmen.

Fragt man sie, was sie sich von den Wochen in Kenia erhofft, dann will sie einen Teil des Landes kennenlernen, neue Erfahrungen sammeln, fachlich reifen. Mit empirischen Umfragen etwa würde sie in der Soziologie häufig arbeiten, das könne sie nun unter verschärften Bedingungen üben. Auf die Frage, was er sich von der Reise erhofft, antwortet Studienleiter Nebe erst einmal mit Schweigen. Sicher sollten die German Doctors mit den ausgefüllten Fragebögen arbeiten können. Er plant mit der Gruppe einen Abschlussbericht, fünfzig bis einhundert Seiten stark. Einige der Studenten werden außerdem einen Film über die Arbeit drehen und Fotos für eine Ausstellung machen, um die Missstände zu dokumentieren, die Wellblechhütten, den Dreck auf den Straßen. „Zudem wünsche ich mir für die Studenten“, sagt Nebe, „dass sie menschlich reifen.

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