Viele Studierende und vor allem Freiberufler kennen das Problem: Eine Abgabe steht bevor. Plötzlich fällt einem auf, dass die Fenster dringend geputzt werden müssten, die Festplatte des Computers könnte auch mal wieder aufgeräumt werden und was gibt es denn eigentlich im Internet an Neuigkeiten? Und so steigt die Arbeit bis zum Abgabetermin umgekehrt proportional zur verbleibenden Zeit. Das führt dazu, dass zum Ende hin die Nächte kürzer, der Stresspegel höher und die Augenringe dunkler werden. Nur warum tut man sich diesen Stress wieder und wieder an, statt die Zeit, die einem zur Verfügung steht, strukturiert zu planen und zu nutzen? Die Trierer Diplom-Psychologin Iris Lorenz, die Studierende mit belastenden Studiensituationen in der Psychosozialen Beratungsstelle der Universität betreut, weiß Antworten auf das Problem des ewigen Aufschiebens – der Prokrastination.

Man muss sich doch einfach nur zusammenreißen! Die Dinge anpacken und durchziehen! Grundsätzlich weiß man ja, wie man sich den Stress ersparen könnte. Doch wenn es so einfach wäre, gäbe es mittlerweile nicht die zahlreichen Ratgeber zum besseren Zeitmanagement. Hat man sich erst einmal eine To-Do-Liste geschrieben und die etlichen Punkte dann doch nicht im Zeitplan erledigt, ist man erneut entmutigt. Manche leiden so sehr darunter, dass es sie regelrecht handlungsunfähig macht.

Die Ursachen der Prokrastination sind vielfältig und nicht isoliert zu betrachten. „Es handelt sich um einen Verhaltensaspekt, der gar nicht so einfach zu bearbeiten ist, da er mit anderen Dingen verknüpft ist. Man muss herausfinden, welche Ziele man mit seinen Aufgaben erreichen will, wie sich der Weg gestalten soll, damit es sich für einen selbst angenehm und wohlwollend anfühlt“, so Lorenz. Viele haben einfach ein Problem mit der richtigen Organisation und Planung ihrer Aufgaben. Bei Einigen ist das Problem jedoch weitaus tiefer anzusiedeln. So kann beispielsweise ein hoher Grad an Impulsivität dazu beitragen, dass anderen Aktivitäten eine höhere Priorität eingeräumt wird. Eine stark ausgeprägte Angst zu versagen, ein geringes Selbstwertgefühl oder übertriebener Ehrgeiz können ebenso zu Prokrastination führen. Auch wer sich schnell unter Druck gesetzt fühlt, neigt eher dazu, Dinge aufzuschieben.

Viele Betroffene fühlen sich blockiert und empfinden starken Druck. Andere wiederum schieben ihre Arbeit auf, weil sie dadurch einen „Kick“ bekommen und besonders gute Leistungen im sogenannten Panikmodus liefern können. „Wenn man diese Arbeitsweise für sich akzeptiert und angenommen hat, ist das auch okay. Dann bedeutet es halt, dass man sich zwei Wochen im Kämmerlein einschließt und seine Sachen erledigt. Nur wenn man merkt, dass es einen unglücklich macht und stresst, muss man anfangen, daran zu arbeiten“, sagt Lorenz.

Studierende und Freiberufler sind laut Lorenz eher gefährdet, dieses Verhaltensmuster anzunehmen, da die Aufgaben und Erwartungen meist nicht so klar formuliert und längerfristig angelegt sind. Sie sind häufiger auf sich selbst zurückgeworfen: „Das hat dann nichts mit Faulheit zu tun, denn in den meisten Fällen kann man dabei ja nicht entspannen wie in einer Hängematte, sondern empfindet die Zeit eher als stressig. Man denkt die ganze Zeit: Ich muss ja eigentlich. Man hat permanent ein schlechtes Gewissen.“

“Belohnung vor Augen halten”

Die To-Do-Listen und Zeitpläne können zwar nützlich sein, seine Aufgaben zu priorisieren und zu strukturieren, doch „viele Menschen verbinden mit diesen Plänen unglaublich viel Druck und Disziplin“. Und das seien dann meist unglückliche Pläne. „Man lernt am besten, wenn einem etwas Freude bereitet, wenn einen etwas fasziniert, wenn man neugierig ist. Wie ein Kind. Und wenn Sie nach Plänen arbeiten, die nicht zu Ihnen passen, dann hält dieser Plan eine Woche, vielleicht auch zwei“, so Lorenz. Sicher, nicht jede Seminararbeit ist mit einer intellektuellen Erleuchtung verbunden und erfüllt mit purer Lebensfreude, doch es kann ebenso helfen, eine Belohnung, im Sinne einer emotional aufgeladenen Sehnsucht – ob es nun der Abschluss an der Uni, die Aussicht auf die angestrebte Arbeitsstelle oder auch ein Urlaub ist, den man sich danach gönnt – vor Augen zu halten und sich darüber klar zu werden, wofür man die jeweiligen Aufgaben erledigt.

Eine weitere Möglichkeit ist es, sich statt einer Liste mit Dingen, die noch zu erledigen sind, auf einem Zettel diejenigen Dinge zu notieren, die einem Freude machen – aufschreiben, was gut geklappt hat und was für einen persönlich das Leben leichter macht. „Jeder muss dabei seinen eigenen Rhythmus finden, Etappen sinnvoll einteilen, versöhnlich mit seinen eigenen Schwächen umgehen und letztlich seine individuellen Bedingungen schaffen, die helfen, den Druck zu nehmen. Dabei ist es notwendig, sich neben den Arbeitszeiten auch bewusst Pausenzeiten einzuräumen und diese ohne schlechtes Gewissen zu genießen.“

„Jeder schiebt mal ein bisschen was auf“, beschwichtigt Iris Lorenz zum Ende des Gesprächs. Doch sobald man erkennt, dass aus gelegentlichem Unmut die Unfähigkeit erwächst, mit wichtigen Aufgaben rechtzeitig zu beginnen, sollte man etwas dagegen unternehmen. Das kann damit beginnen, sich zunächst selbst über seine Ursachen des Aufschiebens, über seine Kapazitäten, Wünsche und Ziele im Klaren zu werden. Für den Fall, dass man es alleine nicht schafft, steht die psychosoziale Beratungsstelle der Universität Trier Studierenden hierbei kostenfrei zur Seite.

Katrin Grüschow

Öffnungszeiten: Montag, 10.00 bis 12.00 Uhr, und Donnerstag, 14.00 bis 16.00 Uhr, für kurze Informationen und Terminvereinbarung. Telefon: 0651/201-2066.

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2 thoughts on “Immer auf den letzten Drücker

  1. Eine weitere Theorie kommt von dem leider sehr wenig bekannten Dr. Stanislav Grof: (Ich gebe es jetzt mit meinen Worten wieder, ohne Zitate). Bei seinen unzähligen Forschungen und Therapien hat er was ” auf den letzten Drücker” angeht, festgestellt, dass jedem Menschen eine Verhaltensmatrix zugrunde liegt, welche auf die Erlebnisse und Umstände der eigenen Geburt zurück gehen. Die Geburtsphasen sind in der Matrix dargestellt. Zum Beispiel die Phasen der Wehen, der Weg durch den Geburtskanal, die Geburt…)

    Dem zu Folge sind Menschen, die alles auf den letzten Drücker machen, oft nach stundenlangem Wehen, Pressen, viel Druck und evtl. “widerwillig” aus dem warmen Nest gekommen.

    Grof hat im Bereich des “Unterbewusstsein” gearbeitet. Bis vor eineigen Jahrzehnten therapeutisch mit LSD in Tschechien und in den U.S.A. – Die Sitzungen sind dokumentiert. (U.a. zum Schluß mit unheilbar Kranken und Mehrfachmördern.) Per Zufall hat er herausgefunden, dass es auch eine nicht durch Drogen basierte Methode gibt, das Unterbewusstsein zu aktivieren: Holotropes Atmen. Bei allen Sitzungen sind gleiche Themen aufgetaucht, u. a. auch die Geburt. Diese Dokumentationen sind die Grundlage seiner Thesen.

  2. Es könnte Gründe haben, warum Dr. Stanislav Grof in der Forschung bislang wenig Bekanntheit erlangt hat. Seine These ist nämlich geradezu aberwitzig und das Herumstümpern mit LSD in seiner “psycholytischen Therapie” wird seit Jahrzehnten abgelehnt und sogar von der deutschen Psychotherapeutenvereinigung als kriminell bezeichnet…

    Psiram hat einiges an Info über den zitierten Herrn.

    Fehlt nur noch ein Horoskop, aus dem man das Zaudern herleitet, weil Jupiter im Krebs und die Sonne im 5. Haus stand, als die Geburt sich vollendete. Und die Mama bei der Geburt ein Hütchen aus Alufolie trug.

    Lieber wieder ganz schnell vergessen, den lieben Herrn Dr. Biggi. Ist gesünder.

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