Foto: Bettina Leuchtenberg

Das Wohnhaus am Anfang der Maximinstraße ragt nicht nur wegen seiner Höhe heraus. Auch der Fassadenschmuck zur Geschichte der Stadt Trier ist etwas Besonderes, nämlich eine Spielart des Jugendstil auf einem noch stark historistisch geprägten Gebäude. Die personifizierte Stadt Trier ist der Mittelpunkt des Schmucks über der historischen Eingangstüre.

Maximinstraße 1. Schon die Adresse trägt Bedeutendes im Namen. Es ist das erste Haus der Straße, die an den Trierer Bischof Maximin erinnert und zu dessen Reichsabtei sie führt. Und gleichzeitig ist es ein Künstlerhaus, denn der Bauherr war der in Trier rege tätige Bildhauer Carl Kaurisch. Dieser hat den Hausbau an der prominenten Stelle dazu genutzt, um zum einen sein eigenes Metier zu präsentieren und zum anderen die Historie Triers zu würdigen. Dafür setzte er markante Trierer Bauwerke in Szene, welche die Trierer Geschichte und das Straßenbild bis heute prägen.

Das dreigeschossige Haus mit Mietwohnungen fällt besonders deshalb von der Paulinstraße kommend sofort ins Auge, weil es recht unvermittelt auf das flache Gebäude eines Autohändlers folgt, welches aus den zwanziger Jahren stammt. Die sich anschließenden Häuser im Straßenverlauf erreichen dessen Monumentalität und Höhe nicht mehr. Von vorne betrachtet, ist es ganz klassisch achsensymmetrisch gegliedert, die Betonung liegt in der Mitte auf dem dreiseitigen Erker. Das Erdgeschoss ist mit hellen Sandsteinquadern verkleidet. Aus dem gleichen Naturstein sind ebenfalls der die Etagen umspannende Erker samt Giebel sowie die Fensterumrahmungen gestaltet. Sandsteinquader bilden an den beiden Seiten der Fassade den optischen Abschluss als schmale Lisenen. Ein zweiter Werkstoff der Fassade ist roter Klinkerstein. Hiermit sind die Flächen der beiden Obergeschosse ausgefüllt, die von den Sandsteinen umrahmt werden. Die schlichten Klinkerwände ergeben zusammen mit dem aufwändigen Schmuck auf den Sandsteinflächen einen reizvollen Materialmix, der zum Ende des Historismus gerne eingesetzt wurde. In dieser Epoche nahmen die Architekten Details aus der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Architektur zum Vorbild und formten diese zeitgenössisch aus.

Das Haus in der Maximinstraße 1 ist ein Beispiel für die Phase, in der die Architekten noch historistisch bauten, die Dekorateure aber schon dem Jugendstil verpflichtet waren. Der Aufbau folgt den drei Achsen in allen drei Geschossen. Allein das auffällige Eingangstor scheint ein Quader breit zu weit nach rechts geraten zu sein, um sich in die strenge Fassadengliederung einzufügen. Typisch für die Architektur des Jugendstils sind die Asymmetrie und ein dekorativer Fassadenschmuck. Wirklich asymmetrisch ist der Eingang auf der rechten Seite hier zwar nicht, aber in der Ausformung der Holztür finden sich ebenso wie im Fassadenschmuck Elemente der Bauform, die vor allem im nahem Belgien ganz außerordentliche Bauwerke erschaffen hat. Wir finden hier eine spannende Mischform vor, dessen Schmuck einen besonderen Blick wert ist.

Das Treviris-Haus mit seiner auffälligen Fassade und Dachgestaltung steht seit 1987 unter Denkmalschutz. Fotos: Bettina Leuchtenberg

Das Treviris-Haus mit seiner auffälligen Fassade und Dachgestaltung steht seit 1987 unter Denkmalschutz. Fotos: Bettina Leuchtenberg

Über dem Bogen des Eingangsportals befindet sich mittig ein Wappen sowie ein Spruchband. Darüber thront das Porträt der personifizierten Stadt Trier, bezeichnet mit „TREVIRIS“. Im Stile einer römischen Porträtbüste blickt der Frauenkopf mit Schultern und angedeuteter Brust streng frontal nach vorne. Ihr Gewand mit mittig sitzender Brosche trägt sie ebenso symmetrisch wie ihr gescheiteltes volles Haar, welches mit einem Stirnband gebändigt wird. Gedrehte Locken fallen rechts und links gefällig auf die Schultern. Als Krone trägt sie ein burgähnliches Fantasiegebäude auf dem Kopf, der von einer Gloriole umgeben ist. Zu ihren Seiten finden sich zwei der wichtigsten Gebäude der Stadt Trier, welche bedeutende Epochen der ältesten Stadt Deutschlands darstellen: Links von ihr sehen wir als Relief die Westfassade des Trierer Doms als Zeichen der mittelalterlichen Stadt. Als Pendant dazu repräsentiert die Porta Nigra das römische Augusta Treverorum. Umgeben ist die Architektur von wild rankenden Kieferzweigen mit langen Nadelbüscheln und Zapfen.

Ein zweites Bildmotiv befindet sich auf der Brüstung des Erkers im ersten Geschoss. Hier ist der heilige Maximin dargestellt, welcher der Straße seinen Namen gegeben hat. Im Gegensatz zur Dame Treviris wirkt er dynamischer. Sein leicht zur Seite gelegter bärtiger Kopf zeigt den ernst blickenden Bischof von Trier mit seiner Mitra auf dem Kopf. Dazu trägt er ein Gewand, das mit Kreuzen verziert ist. Mit seiner rechten Hand segnet er den Betrachter, in seiner Linken hält er ein Kirchenmodell, eventuell ein Symbol für die nahegelegene Reichsabtei St. Maximin. An dieser Stelle hat der aus Frankreich stammende Maximin der Legende nach einst ein Kloster gegründet.

Und auch hier ist der florale Schmuck weitaus mehr als optisches Beiwerk. Wie aus dem Stein gewachsen klettern Weinranken erst nach oben und dann als Reliefstreifen über die gesamte Breite des Gebäudes. Statt Konsolen sehen wir fein ausgeformtes Wurzelwerk, aus dem die zwei Weinstöcke mit großen Blättern und üppigen Früchten an den vorderen Kanten des Erkers emporwachsen. An der Brüstung im zweiten Stockwerk wachsen die Pflanzen nochmals zusammen und bilden als oberen Abschluss ein regelmäßiges Blätterfries.

Alles, was Trier zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer auch wirtschaftlich aufstrebenden Stadt macht, ist auf der Fassade des Wohnhauses wiederzufinden: die römischen Ursprünge, die Macht und der Reichturm der Kirchen im Mittelalter und der frühen Neuzeit sowie der Wein als wichtigstes internationales Handels-objekt bis zu dessen Blütezeit um die Jahrhundertwende.

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