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Karl Kohlhaas war Mitte dreißig, als er sein Augenlicht verlor. Eine Erkrankung der Netzhaut ließ ihn erblinden. An diesem Morgen ziehen er und Königspudel Angelo viele Blicke auf sich: Fotografen und Kameramänner machen sich mehr als nur ein Bild von Kohlhaas, wie er mit einem weißen Handschuh die historische Steinfigur im „Trebeta-Saal“ des Stadtmuseums abtastet. Angelo scheint wenig beeindruckt vom Medienrummel, der Blindenhund hat die Ruhe weg.

Sein Herrchen hatte maßgeblichen Anteil an einem Pilotprojekt, mit dem das Stadtmuseum Simeonstift einen Teil seiner Ausstellung für Blinde und Sehgeschädigte besser erfahrbar machen möchte. Für Studenten des Fachs Intermedia Design der Hochschule Trier fungierten Kohlhaas und die ebenfalls blinde Sabrina Knopp als Probanden und Experten in eigener Sache. Im Rahmen des Seminars „Crossmedia“ entwickelten elf Hochschüler unterschiedliche Ideen, wie eine Auswahl von Exponaten blinden Besuchern nähergebracht werden könnte. Kein leichtes Unterfangen, ist doch gerade in Museen der Sehsinn besonders gefragt und gibt es etliche Hürden zu überwinden.

Seminarleiter Christopher Ledwig nennt beispielhaft das „Hinter-Glas-Problem“: Etliche Ausstellungsstücke werden in Glasvitrinen gezeigt, auch um sie so vor Berührungen zu schützen. Auch für die meisten anderen Exponate, etwa Gemälde und Skulpturen, gilt: „Berühren verboten!“. Doch bekanntlich ertasten sich viele Blinde die Welt und ersetzt das Anfassen für viele von ihnen das Anschauen, zum dem sie ja nicht in der Lage sind.

Das Stadtmuseum verfügt unter anderem über ein beachtliches Textilkabinett. Um nun blinden Besuchern zu vermitteln, was es mit den historischen Stoffen auf sich hat, entwickelte Studentin Simone Rduch handliche Modelle nach. Anhand dieser Miniaturmodelle lassen sich die Stoffe nun fühlen und ertasten, und auch Blinde bekommen eine Vorstellung davon, wie sich die Silhouetten der Damenmode über die Jahrhunderte veränderten. Weil Simone Rduch selbst keine Schneiderin ist, werden die Kleidchen von Kommilitonen des Fachbereichs Modedesign unter Anleitung des Diplomdesigners Ralf Schmitt fabriziert.

Eine besondere Herausforderung ist auch die Vermittlung von Gemälden, Skulpturen und Modellen. Hier setzt das Pilotprojekt zum einen auf Reliefs, aber auch auf Audiodeskriptionen, sprich vertonte Erklärungen. Auch hier konnte die Unterstützung der Studenten durch Kohlhaas und Knopp sehr weiterhelfen. „Wenn Sie ein Bild mit einer Jagdszene haben, dann interessiert mich als Blinden, dass da ein Hase hinterm Baum sitzt. Mich interessiert aber nicht, dass der Maler auch ein vom Baum fallendes Blatt zeichnete“, erläutert er. Soll heißen: Auf das Wesentliche kommt es an, eine allzu ausführliche und komplexe Beschreibung überfordert den blinden Zuhörer. Optimierung und Reduktion sind das Ziel.

Die Studentin Leila Abdalla und die Kunsthistorikerin Alexandra Orth präsentieren ein Modell der Porta Nigra aus jener Zeit, als das Stadttor als Kirche diente. Fotos: Marcus Stölb

Die Studentin Leila Abdalla und die Kunsthistorikerin Alexandra Orth präsentieren ein Modell der Porta Nigra aus jener Zeit, als das Stadttor als Kirche diente. Fotos: Marcus Stölb

Grundsätzlich gilt: Was für den einen ein taugliches Mittel sein kann, etwas besser zu erfahren, kann für den anderen Blinden eher unnütz sein. „Es gibt nicht die eine Lösung, wir versuchen lediglich, die Lösungen zu optimieren“, erklärt Seminarleiter Ledwig. Studentin Isabella Ruf ergänzt: „Wir haben deshalb crossmedial gearbeitet und ganz unterschiedliche Dinge entwickelt. Das geht von der Bastelei bis zum 3-D-Druck.“ Kommilitonin Leila Abdalla hat ein Modell der Porta Nigra aus Kunststoff entworfen, das verschiedene baugeschichtliche Epochen des römischen Stadttors nachbildet. Anbauten, etwa aus jener Zeit, als das antike Monument als Kirche genutzt wurde, lassen sich abnehmen und wieder zusammensetzen.

Durch die Arbeit mit den Blinden habe sie erstmals einen Blick für deren Erwartungen entwickelt, sagt Leila Abdalla. Und sie habe ganz neue Erfahrungen machen können. In Rollenspielen mit verbundenen Augen und anhand eines Plans mussten sie und die anderen Studenten beispielsweise lernen, sich zu orientieren. Sehr anstrengend sei es gewesen, erinnert sich die junge Frau, die sich aber auch wunderte, wie schnell die Stunde vorüber war: „Es hat sich eher angefühlt wie eine Viertelstunde.“

Nicht nur die angehenden Intermedia-Designer sind in das Projekt eingebunden, auch Fachbereiche wie die Kunstgeschichte oder die Technik und die schon erwähnten Modedesigner sind mit von der Partie. Ein interdisziplinäres Vorhaben also, und im Museum hofft man nun, dass sich Sponsoren für das in dieser Form beispielhafte Angebot finden werden und sich die Ideen realisieren lassen. Es sei erklärtes Ziel, die Auswahl der Exponate zu erhöhen, um so den blinden und sehbehinderten Besuchern noch mehr Themenbereiche des Museums zu erschließen, kündigt Museumsmitarbeiterin und Kunsthistorikerin Alexandra Orth an. Kollegin Kathrin Schug erklärt, dass nach Einschätzung von Experten die Zahl blinder und sehgeschädigter Menschen allein schon aufgrund der demographischen Entwicklung steigen werde. Von daher rechne man mit einem steigenden Bedarf an solchen „Blinden-Kits“.

Karl Kohlhaas erinnert sich bis heute an die Zeit, als er noch sehen konnte. „Ich habe von damals noch Bilder im Kopf“, erzählt er. Nun kommen einige hinzu, können blinde und sehgeschädigte Menschen wie Kohlhaas und Knopp alte Bilder und historische Exponate neu erfahren.

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