"Kinderstube der Nation" von Annamalt.

Aktuelle Politik, Menschenrechtsverletzungen, Krieg und menschliches Verhalten in Konfliktsituationen sind seit vielen Jahren die Schwerpunkte der gemeinsamen künstlerischen Arbeit von Annamalt und Edward Naujok. Vergangenen November wurde ihnen für ihr Werk und ihr sonstiges Engagement für den Frieden der rheinland-pfälzische Friedenspreis verliehen.

In ihren meist großformatigen Gemälden beschreibt Annamalt, wozu Menschen fähig sind. Die in aufwändiger Recherche gesammelten Informationen verdichtet sie mit den gewonnenen Erkenntnissen und fügt sie zu expressiv gemalten Bildmontagen zusammen. Naujoks Texte sollen den Betrachter über die oft schwierigen Themen und Hintergründe der Bilder aufklären und ihm helfen, sich im Bild zurechtzufinden und dessen Aussage zu verstehen.

Wie kamen Sie zur Kunst?

Edward Naujok: Ich habe lieber mit Sand gespielt als Rechenaufgaben zu lösen. Die Kunst kam dann mit der Frage: Was soll das?
Annamalt: Der Geruch von Ölfarben aus meiner Kindheit weckt auch heute noch die Sehnsucht zum Malen, zum Kunstmachen kam ich erst 40 Jahre später. Über das Scheitern und die Sehnsucht. Auf der Suche nach meiner Sprache und auf der Suche, die Welt zu erfahren.

Gibt es Künstler, die Sie inspirieren/inspiriert haben?

Naujok: Es war mehr der Zeitgeist der 60er und 70er Jahre als Personen. Pop Art und der Fluxus-Bewegung fühle ich mich noch heute verbunden.
Annamalt: Künstler wie Nichtkünstler, meist Menschen aus meinem näheren Umfeld. Als Kind war es für mich mein Onkel Tias, ein fantastischer Geschichtenerzähler, Poet und Schriftsteller. Dann noch ein junger Kunstlehrer, der den Mut hatte, mit uns Schülerinnen im Ursulinengymnasium eine Installation und Tanz-Performance aufzuführen. Danach haben wir ihn nicht mehr gesehen, war wohl zu schräg für diese Schule. Später Künstler aus meinem Umfeld, die ich sehr schätze wegen ihrer Unverbogenheit: Uta Stahl, Edward Naujok, Helmut Schwickerath. Für die Themen sorgte von Anfang an meine Großmutter, die mir, dem Kind, vom Krieg und Hunger in der Welt erzählte und zu schimpfen wusste.

Autodidakt oder Ausbildung/Studium?

Naujok: Studium an der Werkkunstschule Kiel und der Hochschule Bildende Kunst Hamburg, Fachrichtung Bildhauerei und Keramik.
Annamalt: Autodidaktin.

Gibt es ein Kunstwerk, das Sie bewundern?

Naujok: Spontan würde ich sagen, die Bierdosen von Jasper Johns. Rodin finde ich auch heute immer noch gut.
Annamalt: Zum Beispiel die Höhlenmalerei. Ein richtig gut gemaltes Bild haut mich auch heute noch um. Dann sitze ich mit einer Lupe beispielsweise vor einem Hieronymus-Bosch-Bildband und gluckse vor Begeisterung. Oft ist es jedoch eher ein Film oder ein Buch, in dem der Künstler genau das zum Ausdruck bringt, womit ich mich als Malerin gerade beschäftige, zum Beispiel Susan Sonntag: Das Leiden anderer betrachten. Keine Bewunderung, sondern Glücksgefühle und Dankbarkeit empfinde ich dann.

Mit welcher/n Technik/en arbeiten Sie?

Naujok: Alles mögliche. Malen, Formen in Ton, Gips, Plastik, auch Teer, Gummi. Manchmal Holz, Pappe oder auch Schweißen.
Annamalt: Vor allem bin ich expressionistische Malerin und bevorzuge große Formate, auf denen ich meine Figuren lebensgroß darstellen kann. Installationen und Kunstaktionen kommen seit 2010 dazu.

Was gibt Ihnen Kunst?

Naujok: Eine Art Reise in meine Gedanken und die unsichtbare Welt der Vorstellungen.
Annamalt: Jedes selbstgemalte Bild ist für mich Ausdruck für gelebtes Leben. Das Gefühl, mittendrin zu sein, als Weltreisender und auch dort zu verharren, wo es ungemütlich ist.

Was ist ihr künstlerischer Antrieb?

Naujok: Gedanken zu formulieren. Also Gedanken im wahrsten Sinne des Wortes Form werden zu lassen oder zur Form zu machen.
Annamalt: Meine Skepsis gegenüber denen, die herrschen. Gleichzeitig Partei zu ergreifen für die Schwachen in unserer Gesellschaft und für die, die aufbegehren. Anteilnahme, Betroffenheit, persönliche Verantwortung und gleichzeitig die Hoffnung, dass meine Arbeit einen Funken entzünden könnte, dass die Umstände geändert werden. Nicht wegschauen, wenn es für mich unbequem wird. Sehnsucht nach persönlicher Freiheit für mich und andere.

Wie beurteilen Sie die Künstlerszene in der Region?

Naujok: Größtenteils gutbürgerlicher Kunstgeschmack, provinziell aber im Bundesdurchschnitt wohl normal.
Annamalt: Ich bin in der freien Szene unterwegs, fühle mich bei keinem Verein zuhause. Gleichgesinnte finde ich eher in der Friedensbewegung und bei einer handvoll Künstler – immerhin! Für Künstler, die nicht Mitglied eines Vereins sind, ist es schwierig, einen Ausstellungsplatz zu finden. Manche Werke, wie zum Beispiel von dem Trierer Künstler Oliver Kremer, der tolle Bilder malt, bekommt man deshalb so gut wie gar nicht in Trier zu sehen.
Generell in der Bildenden Kunst in Deutschland vermisse ich die Künstler, in deren Werken sich die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln. Musik und Theater finde ich da oft mutiger und kritischer.

Wie lässt es sich in der Region als Künstler arbeiten?

Naujok: Schwierig, man ist auf sich allein gestellt, es gibt kaum Unterstützung durch die Stadt oder sonstige Institutionen.
Annamalt: Finanzielle Unterstützung gibt es meist nur von denen, denen man „dient“. In der Region ist der Existenzkampf für Künstler der gleiche wie in anderen Städten auch. Seine Freiheit muss man sich überall erkämpfen. Man braucht Beharrlichkeit und einen langen Atem oder einen Partner, der gut verdient.

Wo kann man Ihre Werke sehen?

Naujok: Seit 2009 in der Dauerausstellung des Archäologischen Landesmuseum Hamburg. Hin und wieder in Ausstellungen, zum Beispiel der Themenausstellung „Die Perfektheit und das Fehler“, die 2014 in Berlin stattgefunden hat. Ansonsten siehe Antwort Annamalt.
Annamalt: Spontan bei kritischen Kunstaktionen im öffentlichen Raum. In der Bekonder Straße in Föhren kommt man an unserem bunten Haus „nicht vorbei“. Wer Interesse hat, mehr zu sehen, kann das Notsignal (die Klingel) ziehen, und wenn wir Zeit haben, einen Rundgang machen. Bilder von mir sieht man meist in Themenausstellungen in anderen Städten, gerade war ich in Münster, nächste Woche bin ich in der Urania in Berlin. Die Installation „Nuclear Grass“ reist seit 2012 durch Schweden und Finnland und „Willkommen Fremder – Vision Europa“ geht hoffentlich auch in diesem Jahr wieder auf Reisen, Mainz wäre mal an der Reihe. Informationen zu Veranstaltungen gibt es auch auf der Webseite www.annamalt-edwardnaujok.com, den Rundgang virtuell unter www.annamalt.net.

Annamalt und Edward Naujok.

Annamalt und Edward Naujok. Foto: privat

Wo würden Sie gerne mal ausstellen?

Naujok: Museum Pompidou.
Annamalt: Mein Wunsch, die Serie „Kriegsschauplätze“ im Antikriegsmuseum Berlin auszustellen – als Hommage an den Gründer des Museums Ernst Friedrich – ist bereits 2006 in Erfüllung gegangen. Für eine kritische Ausstellung gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen in Räumen, die groß genug sind für meine Gemälde, bin ich überall zu haben. Und warum nicht mal wieder Kunst und Provokation in Trier mit Schwick (Helmut Schwickerath), hallo?

Die größte gemeinsame künstlerische Arbeit von Annamalt und Edward Naujok ist ihr begehbares Gesamtkunstwerk – gleichzeitig Atelier und Wohnhaus – in Föhren, auch bekannt als das Graffitihaus, dessen Gestaltung einen jahrelangen Rechtsstreit zur Folge hatte. Für Aufsehen sorgte auch Naujoks Misthaufen in Rockform anlässlich der Heilig-Rock-Wallfahrt 1996.

Weitere Infos zu den Künstlern finden Sie hier.

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