georges schmitt ganz neu

Der Trierer Komponist, Pianist und Professor emeritus Wolfgang Grandjean, der lange an der Folkwang-Hochschule in Essen unterrichtete, hat im renommierten Olms-Verlag eine umfassende Monographie über Georges Schmitt vorgelegt, die das ganze Instrumentarium analytischer und musikhistorischer Recherche einsetzt und trotz der Fülle auf den ersten Verdacht hin vielleicht unspektakulären Stoffs hinreißend zu lesen ist.

Bereits im gerafften Abriss des Lebens von Georg, später Georges Schmitt von seinen Anfängen in der Moselstadt Trier, wo er 1821 geboren wurde, bis zu seinen mittleren und späten Jahren in Paris, unterbrochen von zweimaligem politisch motiviertem Exil und gelegentlichen Abstechern in die alte Heimat, scheint Schmitts ungünstige Stellung im zunehmend national orientierten Musikleben seiner Zeit durch. In Paris, wo er bis zu seinem Tod 1900 weit über 50 Jahre gelebt hatte, stieß er immer wieder auf Ressentiments wegen seiner deutschen Wurzeln. Eine Rückkehr nach Trier blieb aus mehreren Gründen aber auch unattraktiv, wo er umgekehrt wegen des mehr und mehr französischen Flairs seiner Musik Unverständnis erntete.

Grandjean weist das anhand zahlreicher Quellen nach und vermittelt ein denkbar authentisches Bild von der Situation eines begabten, ruhmsüchtigen, weitgehend aber unvollständig integrierten und finanziell nicht ausreichend breit aufgestellten Musikers. In sinnfällig nach Tätigkeitsfeldern und Werkgenres aufgeteilten Großkapiteln analysiert das Buch Schmitts Wirken als Kirchenmusiker, Orgelsachverständiger, Herausgeber und Mitarbeiter sakralmusikalischer Zeitschriften, Komponist von Orgelwerken, sakralen Chorstücken, Klavierstücken, Klavierliedern, Opern, Operetten und drei Großformaten in der gattungsgeschichtlichen Nachfolge des Oratoriums bzw. der dramatischen Sinfonie Hector Berlioz’, von denen „Le Sinai“, vom Autor neu herausgegeben, eine vielbeachtete Wiederaufführung in Trier beim Moselfestival 2014 erlebte.

Die in kleinen Auszügen in fehlertechnisch leider kaum bereinigten Neuausgaben, sonst nur in Bibliothekskopien vorliegenden Orgelwerke konkurrieren gewiss, so Grandjean, selten mit denjenigen Lefébure-Welys und in keinem Fall mit denjenigen César Francks, stellen aber wichtige Dokumente dar für die Krise, die mit der 1791er Revolution über die katholische Kirche und ihre Musik hereingebrochen war. Unabhängig davon sind es zum Teil recht effektvolle Beispiele für ein Bemühen, die Orgelkunst wieder auf ein Fundament zu stellen, ohne Vorbilder einfach zu kopieren.

Historisch strengere Argumente bemüht Schmitt innerhalb der Bemühungen um eine bessere Integration des Gregorianischen Chorals in die zeitgenössische Liturgie. Interessant die Kontroversen mit der deutschen, maßgeblich vom Luxemburger Organisten Heinrich Oberhoffer, ebenfalls einem gebürtigen Trierer, mitgeprägten Bewegung des Cäcilianismus.

Grandjean geht mit den satztechnischen Mängeln in etlichen der wiedergegebenen Notenbeispiele aus Schmitts früheren und mittleren Schaffensjahren höchst diskret um – sieht man von der Möglichkeit kommentarlos übernommener Setzfehler oder zweifelhafter Lesarten einmal ab – , um dann desto dezidierter auf seine Stärken als Komponist profaner Vokalwerke hinzuweisen. Hier seien, so der Autor, die Tendenz zum Gestückelten homogenen Formen und einer überlegten, durchaus der Zeit, jedenfalls in ihren konservativeren Vertretern, gemäßen Harmonik gewichen.

In den ab 1876 entstandenen Vokalsinfonien und der einzigen, bislang allerdings ohne Ouvertüre überlieferten Opernpartitur, assistiert von einigen Liedwerken oft auf Texte des unvermeidlichen Victor Hugo, sieht Grandjean Schmitts Kernkompetenz als Komponist verwirklicht, und nur einige Zufälle mögen verantwortlich sein, dass auch die Kantate „Armide et Renaud“, die Schmitt 1886 zum renommierten Rossini-Wettbewerb einreichte, wie schon alle andere Versuche zuvor, bei der Preisvergabe leer ausging. Das als handlicher Sonderdruck der Luxusausgabe beigelegte Werk überzeugt in der Tat durch sein gekonntes Ineinandergreifen von freier Deklamation und arioser Zusammenfassung, Solo- und Duettbesetzung.

Das Buch dürfte die ultimative Biographie des weitgehend vergessenen Komponisten Georg Schmitt sein und ein Wegweiser beim Auffinden des einen oder anderen Werks, das eine Renaissance verdient.

Klauspeter Bungert

Grandjean, Wolfgang. Orgel und Oper. Georges Schmitt 1821-1900: Ein deutsch-französischer Musiker in Paris. Biographie und Werk mit einem Werkverzeichnis und einer Notenbeilage. Hildesheim, Georg Olms Verlag. 2015.

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