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Neulich war ich in der Neustraße, als es zu regnen anfing. Ich schaute, ob ich mich irgendwo unterstellen kann, da sehe ich – ganz ehrlich – direkt vor mir das Ladenschild „Schirme Gisa“. Mir war dieses Schirme-und-Spazierstöcke-Geschäft vorher nie aufgefallen. Das ist doch sonderbar: Gerade als mir die ersten Regentropfen auf die Kopfhaut trommeln, sehe ich lauter Regenschirme. Der Raum-der-Wünsche-Effekt! Wahrscheinlich existiert dieser Laden nur, wenn man ihn wirklich braucht. So einen Raum gibt’s also nicht nur bei Potters Harry, sondern auch in der Neustraße, genau zwischen „Optik Blickfang“ und „Treff beim Pitt“.

Die Ladentür steht offen, aber weit und breit ist niemand zu sehen. „Prima“, denke ich, „dann mopse ich mir doch schnell ’nen Schirm.“ Ich gehe in Richtung Eingang, da entdecke ich einen großen, zusammengeknüllten Wollhaufen, der mitten im Laden auf dem Boden liegt. Als ich einen Fuß über die Schwelle setzen will, erwacht dieses Wollknäuel, wie von Geisterhand erweckt, richtet sich auf, es wachsen ihm vier Beine und ein riesiges Maul, und im nächsten Moment steht ein tobender Hund vor mir, der so laut bellt, dass es von „Schuh Berg“ bis „Fräulein Prusseliese“ jeden Passanten bis ins Mark erschüttern muss. Als sei dort eine magische Linie überschreitet er zum Glück nicht die Türschwelle, knurrt mich aber drohend an.

Ich erstarre und bin mir sicher: Eine Bewegung – und ich bin tot. Es regnet heftiger, aber weil ich lieber nass als zerfetzt bin, starre ich den Kläffer einfach an. Ich bilde mir ein, durch Blickkontakt die Pattsituation aufrechterhalten zu können (objektiv ist das eine Fehleinschätzung; die Kräfteverhältnisse sind eindeutiger verteilt, als ich mir eingestehe). Wenn ich wenigstens wüsste, wie die blutrünstige Bellbestie heißt. „Zerberus?“, versuche ich es mit einem zaghaften Flüstern. Der Killerkeilo stutzt, hört auf zu knurren und schaut mich an, als wolle er fragen: „Kennen wir uns? Das kann nicht sein, an mir ist noch niemand lebend vorbeigekommen!“

IMG_1918_kWusste ich’s doch! Der Höllenpfortenwachhund persönlich. In Gestalt eines Airdale-Terriers. Oh Gott, der Eingang zur Unterwelt befindet sich in der Trierer Neustraße! Oder zumindest gibt’s hier einen gut bewachten Nebeneingang. Und das in Domnähe und gleich gegenüber einer katholischen Mädchenschule!

„Kann ich Ihnen helfen?“, höre ich eine freundliche Frauenstimme aus dem Laden über Zerberus Kopf hinweg fragen. „Kommen Sie doch rein, Sie werden ja ganz nass.“ Dann ruft sie: „Aus! Sei friedlich, Lord!“

„Lord“? Pfff, wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich weniger Angst gehabt! Obwohl, vielleicht ist das eine Koseform für „The Dark Lord“.

Als ich im Geschäft bin, werde ich auffordernd angeblickt, von Frau und Hund. Mir ist klar, dass ich schlecht sagen kann: „’Tschuldigung, wollte nur schnell ‘nen Schirm klauen, Farbe ist egal.“ Also muss ich improvisieren. Ich schaue mich Interesse heuchelnd um, und sehe nichts als Schirme und Spazierstöcke. In diesem Moment fällt mir ein, dass ich ein Geschenk für den Backes Herrmann brauche. Bei dem steht ein runder Geburtstag an und er wünscht sich etwas Nützliches.

„Ich suche einen besonderen Schirm oder Spazierstock. Einen, bei dem man den Griff abschrauben und Schnaps einfüllen kann. Gibt’s so etwas?“ „Gibt es!“, ruft die Schirmherrin begeistert, fügt jedoch hinzu: „Aber nicht hier. Das ist ein anständiger Schirmladen. Kleiner Scherz, ich kann Ihnen das bestellen. Moment, ich hole den Katalog.“

Sie lässt mich mit dem nun anscheinend gutmütigen Lord Zerberus allein im Laden zurück und ich schätze ab, ob ich notfalls ein Exemplar der Auslegeware zu greifen kriege, um mich gegen ihn abzuschirmen. Aber da er eine ernsthafte Kaufabsicht wittert, legt er sich hin und wird wieder zum braunen Wollknäuel.

Gisela Hochzeit, so heißt die Schirmherrin, zeigt mir im Katalog Herrenspazierstöcke mit integriertem Flachmann, die sie schelmisch als „vatertagstauglich“ anpreist. Das zeugt von Lebenserfahrung und Toleranz. Ich sage ihr, dass sich der Herrmann über einen Schnaps-Schirm noch mehr freuen würde als über einen Stock. Das versteht Gisela, aber da sie im Katalog nichts findet, will sie nächste Woche einen Schirmvertreter auf so ein Spezialexemplar ansetzen.

Das Gespräch wäre damit eigentlich beendet, aber weil es draußen weiter regnet und wir noch nicht auseinandergehen wollen, führt Gisela mir die angesagtesten Herrenschirme vor. Die beliebteste Farbe ist derzeit schwarz, und das nicht bei den gesetzteren Herren, sondern vor allem bei der Jugend: „Sogar die Schulmädchen von gegenüber wollen zurzeit nur schwarze Schirme!“, sagt Gisela und verrät mir: „Als Faustregel gilt: Je grell-bunter der Schirm desto älter die Dame!“ Männer, die das Alter von Frauen schlecht einschätzen können, sollten also warten, bis es regnet und erst mal auf den Schirm gucken!

Ich lerne viel über die Unterschiede zwischen automatischer und manueller Mechanik und erfahre außerdem, dass Gisela Schirme auch repariert. Allerdings nur, „wenn sie auch was taugen“. Früher sei sie Zahntechnikerin gewesen, und vom Gebissersatz zur Schirmtechnik sei es ja, feinmechanisch gesehen, nur ein kleiner Schritt. Ich verrate lieber nicht, dass mir die Idee, Schirme flicken zu lassen, gänzlich neu ist. Wahrscheinlich, weil ich noch nie einen für mehr als fünf Euro gekauft habe. Meine Schirme bestehen nie den Windstraßen-Test, und wenn mir eine Böe vorm Dom die chinesische Mechanik wieder mal auf links dreht, entsorge ich die Dinger gewöhnlich im nächsten Abfalleimer auf dem Hauptmarkt.

Inzwischen ist mir klar, dass ich nicht in die Hölle geraten bin, sondern ins Schirmparadies. „Dieser Schirm zum Beispiel“, schwärmt Gisela, „eignet sich hervorragend, um sich aufdringliche Typen vom Leib zu halten.“ „Auch Höllenhunde?“, will ich fragen, lasse es aber, ebenso wie die Nachfrage, ob sie denn schon eigenhändig auf „aufdringliche Typen“ eingedroschen habe.

IMG_1916_kGemeinsam probieren wir vorm wandhohen Ladenspiegel Schirme aus. Die schwarzen stehen mir tatsächlich am besten. Einer ist so groß, dass ich locker mit Gisela und dem eigentlich ganz süßen Lord gemeinsam drunter passe. Ich entscheide mich schließlich für einen Herren-Outdoor-Schirm mit Umhängegurt. Marke Knirps. Das wäre nix für den Herrmann, denn seine Neue nennt ihn, ich weiß nicht wieso, liebevoll „Knirps“ (dabei ist der Herrmann doch eigentlich recht hochgewachsen).

Gisela ist mit meiner Wahl zufrieden und versichert mir: „Damit sind Sie gut beschirmt.“ Als ich mich zum Gehen wende, steht der goldige Vierbeiner wieder im Türrahmen. „Keine Angst, Lord lässt Sie wieder raus“, beruhigt mich Gisela. „Einfach an ihm vorbeigehen!“ Und nicht zurückblicken, oder wie war das?

Als ich mich zwischen Lord und Türrahmen vorbeidrücke, schnuppert das liebe Lockentier an meinem neuen Schirm, und lässt mich passieren. Wahrscheinlich macht er das immer, wenn er riecht, dass man für mindestens 30 Euro Markenware eingekauft hat.

Falls Sie mich also nächste Woche im Regen durch Trier laufen sehen, kommen Sie ruhig mit unter meinen Original-Gisa-Schirm.

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2 thoughts on “Vom Regen in die Hölle?

  1. Man fühlt sich ja auch in Weimar seit längerem von Meyer Frank poetisch gut behütet und beschirmt. Und auch wieder mit dieser schönen Kolumne. Hiermit soll er wissen, dass es auch in Weimar – kein Wunder bei der Städtepartnerschaft zwischen Weimar und Trier – ein schönes Geschäft für Schirme und Stöcke gibt, in der Rittergasse, geleitet von Annelies Pennewitz. Und es werden nicht nur Schirme und Stöcke verkauft, sondern auch historisch beleuchtet durch das kleine integrierte Museum. Einen Höllenhund allerdings gibt es nicht, was bei Goethes Abneigung gegen Hunde ganz folgerichtig ist. Und der Schreiber dieses Textes besitzt einen in Schottland erworbenen Stock mit einer kleinen Whisky-Flasche im Griff. Sollte es einmal zu einer Begegnung mit Herrn Meyer kommen, wird ihm ein Schlückchen angeboten werden.

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