Der Trierer Gastronom Mehmet Kirisikoglu unternimmt und riskiert viel, um seinen syrischen Landsleuten in Flüchtlingslagern in der Region Rojava zu helfen. Foto: Daniel Prediger

Mehmet Kirisikoglu setzt sich für humanitäre Hilfe in syrischen Kriegsgebieten ein und hat mittlerweile vier Konvois organisiert, die die Hilfsgüter in Flüchtlingslagern vor Ort ablieferten. Im Gespräch erzählt der Trierer Restaurantbesitzer was ihn zu seinem Engagement antreibt und mit welchen Problemen er dabei konfrontiert ist.

TRIER. „Der IS wird immer größer, immer mächtiger. Und die Welt schaut zu. Wir müssen was tun!“ Wenn Mehmet Kirisikoglu sich Fotos von Flüchtlingen aus Syrien oder dem Irak anschaut, sieht man in seinem Gesicht deutlich die Fassungslosigkeit und die Wut im Angesicht der Lebensumstände in den Flüchtlingslagern, in denen die Menschen diesseits und jenseits der Grenzen leben müssen. „Schau dir das Elend an. Warum zeigen die Medien diese Bilder nicht? In diesem Lager in Rojava leben etwa 10.000 Menschen auf engstem Raum. Frauen, Kinder, alte Menschen. Sie haben Hunger und Durst und sind nur mit dem dort angekommen, was sie am Leibe tragen. Wenn du das gesehen hast, dann kannst du gar nicht anders. Du musst helfen.“

Mehmet Kirisikoglu, 35 Jahre, ist Kurde und lebt seit 1995 in Trier. Der Restaurantbesitzer fuhr im vergangenen Jahr ursprünglich in die Türkei, um in seiner alten Heimat Urlaub zu machen und um Freunde und Familie zu besuchen. Die Bilder, die er da sah, wird er seither nicht mehr los. Der Krieg in Syrien war natürlich auch in der Türkei präsent. Er unterhielt sich mit den Menschen vor Ort und erfuhr von Einzelschicksalen, von Menschen auf der Flucht vor dem Islamischen Staat (IS), die nun in Flüchtlingsunterkünften in der Region Rojava (Westkurdistan/ Nordsyrien), nahe der türkischen Grenze, leben. Dies veranlasste ihn dazu, sich auf den Weg dorthin zu machen, um vor Ort seine Hilfe anzubieten.

Rojava, bestehend aus den Kantonen Cizîre, Efrîn und Kobanê, hat, laut dem Kurdischen Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit, seit 2012 mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge aufgenommen und seine Bevölkerungszahl somit etwa verdoppelt. Diese kommen nicht nur aus Syrien, sondern auch aus Eziden aus dem Irak, wo im August 2014 in der Region Shengal große Massaker und Vertreibungen durch den IS stattfanden. Im Zuge des Bürgerkrieges gilt die Region Rojava als de facto unabhängig von der syrischen Regierung. Hier wird das Experiment einer direkten kommunalen Demokratie erprobt. Es wurden regionale Übergangsregierungen gebildet, die die Kommunen autonom und dezentral verwalten. Patriarchale Strukturen sollen durch die Einbeziehung von Frauen in allen politischen und sozialen Organen aufgebrochen werden. Rojava gilt daher als sicheres Gebiet für alle Ethnien oder Minderheiten, die in der Region unterdrückt oder verfolgt werden – Araber, Sunniten, Armenier, Assyrer, Yeziden, darunter z.B. auch christliche Minderheiten.

In verschiedenen Flüchtlingslagern der Region leben die Menschen seither unter widrigsten Bedingungen, die Lebensmittelversorgung ist spärlich und die Wasserversorgung kaum ausreichend. Viele Menschen sind von dem, was sie erlebt haben, traumatisiert. „Ich habe gesehen, wie eine Familie schrie, sie haben Hunger. Ein kleines Mädchen war dabei. Also habe ich Lebensmittel und Medikamente gekauft und wollte nach Syrien, um sie den Leuten zu geben. Ich durfte nicht. Das türkische Militär ließ mich nicht über die Grenze. Erst als die Grenzposten wechselten, sagte der eine zu mir: ,Lauf, wirf es hin und komm schnell wieder zurück’.“

Zurück in Deutschland fing er an, Leute zu mobilisieren, zu informieren und zu Sachspenden für die Flüchtlinge in Syrien aufzurufen. „Ich habe in meinem Laden und bei Freunden Plakate aufgehängt, weil ich dachte: Die Menschen müssen darauf aufmerksam gemacht werden“, erklärt Kirisikoglu und betont: „Ich nehme kein Geld. Was die Menschen dort brauchen sind Lebensmittel, Wasser, Kleidung und Medikamente.“

Die Region Rojava im syrisch-türkischen Grenzgebiet hat seit 2012 mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge aufgenommen.

Die Region Rojava im syrisch-türkischen Grenzgebiet hat seit 2012 mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge aufgenommen.

Die Resonanz auf seinen ersten Aufruf war enorm. Viele Trierer und Triererinnen brachten ihm kistenweise Kleidung und sanitäre Versorgungsmittel. Durch ein Benefizkonzert im Dezember 2013 kam dann auch genügend Geld zusammen, um mehrere Krankenwagen zu kaufen. Vollgepackt mit den Hilfsgütern machte sich der erste Konvoi in Richtung Rojava auf. Auch hier sollte das Passieren der Grenzen nicht ohne Probleme verlaufen. „Drei Wochen haben die uns an der bulgarisch-türkischen Grenze aufgehalten. Das war pure Schikane! Immer wieder fehlten angeblich Papiere. Die haben die Autos einmal komplett ausgeladen und wieder eingeladen. Erst dann konnten wir weiter. An der Grenze zu Syrien waren wir neun Tage. Dann durften wir die Sachen nur abgeben und mussten direkt wieder zurück.“

Seither hat er, mit Unterstützung anderer Hilfsorganisationen, drei weitere Konvois in die syrischen Flüchtlingslager mit auf den Weg gebracht. Der letzte fuhr im vergangenen Oktober nach Syrien. Besonders an den Grenzen gibt es jedoch immer wieder Schwierigkeiten, was den Transport der Güter jedes Mal zu einer Odyssee werden lässt. Beim letzten Transport kam es an der türkischen Grenze zu Übergriffen auf die Fahrer der Lastwagen. Zwei von ihnen sind noch immer im Krankenhaus. Der Transport weiterer Hilfsgüter gestaltet sich so immer schwieriger. Auch Kirisikoglu selbst darf nicht mehr in die Türkei einreisen. „Entweder ich komme ins Gefängnis oder ich bin weg. Und warum? Weil ich den Menschen dort helfen will.“

Da momentan noch unklar ist, wann die Hilfsgüter, die bereits bei Kirisikoglu eingegangen sind, das nächste Mal ins Krisengebiet gefahren werden können, hat er zwei vollbeladene Lastwagen in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in der Trierer Dasbachstraße abgegeben. „Wir brauchen die Unterstützung von der Regierung oder von größeren Hilfsorganisationen. Für uns wird es immer gefährlicher, die Sachen rüberzubringen. Mit der Unterstützung wäre es vielleicht einfacher, denn das ist kein Krieg gegen Kurden oder andere Minderheiten. Das ist ein Krieg gegen die Menschlichkeit“, sagt Kirisikoglu und erzählt weiter von Hungerstreiks in Wiesbaden und Luxemburg, von Demonstrationen in Frankfurt/Main und Mannheim, an denen er sich beteiligte. „Meine Mittel sind begrenzt. Ich versuche, was ich kann, ohne je eine Waffe in der Hand gehabt zu haben.“

Was können wir als einzelne also tun? Für den anstehenden Winter werden vor allem noch warme Kleider, Schuhe und Decken benötigt, die jederzeit im Restaurant “Ali Baba” am Viehmarkt abgegeben werden können. Die Sachen, die von Kirisikoglu und den Freiwilligen, die ihn unterstützen, nicht selbst nach Syrien gebracht werden können, werden an andere Hilfsorganisationen und Vereine, mit denen er zusammenarbeitet, verteilt.

Katrin Grüschow

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