Technikerfahren: der Modellbau- und -bahnexperte Josef Karthäuser von Märklin Theisen. Foto: Marco Piecuch

Lokführer und Zugbegleiter streiken, Gewerkschafter legen den Verkehr lahm, und die DB AG streicht den kläglichen Rest ihres Fernverkehrs – als moselstädtischer Bahnreisender wünscht man sich bisweilen weit weg oder in jene Jahrzehnte zurück, als mehrmals täglich Züge nach Paris fuhren oder der „Interregio“ Trier beinahe im Stundentakt mit so gefragten Destinationen wie Bremerhaven-Lehe oder Friedrichshafen-Stadt verband. Eisenbahn-Fans sollten den Hauptbahnhof inzwischen meiden, in der Metzelstraße sind sie weit besser aufgehoben. Denn bei „Märklin Theisen“ scheint zwar die Zeit stillzustehen, doch wenigstens sieht man hier ICEs und stand der Talent 2 schon auf dem Gleis, bevor er für die Moselbahn in Fahrt kam.

TRIER. Dieser Tage stieß ich auf ein Foto aus Kindertagen: mein Bruder Guido, ich und unsere Modelleisenbahn. Die Anlage stand im mäßig heimeligen Keller unseres Elternhauses, dessen Aufenthaltsqualität noch zusätzlich dadurch gemindert wurde, dass aus dem nahen Heizungsraum ölgeschwängerte Luft herüberwaberte. Egal! Wir waren in unserem Element, setzten einen Zug nach dem anderen auf die Schienen – was bei einem Gleis, zwei Loks und kaum mehr als einem halben Dutzend Waggons eher überschaubare Abwechslung versprach.

Wir Bäckerssöhne spielten mit „Fleischmann“. Dabei galt „Märklin“ schon damals als das Nonplusultra, als das Adidas unter den Modellbahnen. Ein Glück, dass „Märklin Theisen“ auch „Fleischmann“ führte – und bis heute führt. Wie anno dazumal knirschen Holztreppe und Dielenboden, als ich den Laden betrete. Das Sortiment scheint wenig verändert: Birken und Pappeln im Doppelpack, Gleisschotter in Klarsichttütchen, Streumaterial in „Waldgrün“ und „Ackerbraun“. Zwei Meter selbstklebender Radweg gibt es für 5,25 Euro, Streichelzoo und Toilettenhaus sind ebenfalls zu haben.

Als wir uns in den 80ern mit schöner Regelmäßigkeit bei „Märklin Theisen“ herumtrieben, um uns mit Hecken, Häusern und auch der ein oder anderen Lok einzudecken, muss Josef Karthäuser schon dagewesen sein. Dabei ist der Mann zwar bereits Großvater, doch erst 47 Jahre alt. Der „Juppi“ ging beim „Hurtig“ in die Lehre. „Hurtig“ nannten sie den Franz-Ludwig Theisen. „Auf den lass ich nichts kommen. Der war echt ein cooler Typ“, erinnert sich der heutige Firmeninhaber. „Aber er war auch knallhart und gab nie Prozente“, ergänzt Theisens früherer Stift. Karthäuser gewährt schon mal Nachlass, doch verramscht wird bei ihm nichts.

Als Kind dachte ich, der Theisen hieße mit Vornamen „Märklin“. Das dachten damals viele. Theisens Großvater begann 1878 als Gas- und Wasserinstallateur, später machte sich das Unternehmen mit einer patentierten Rückenspritze zur Schädlingsbekämpfung einen Namen. Seit 1926 werden hier Märklin-Eisenbahnen verkauft. Bei den Gebrüdern Märklin in Göppingen ließ Franz-Ludwig Theisen sich nach dem Krieg zum Elektrofeinmechaniker ausbilden.

Spricht man mit Karthäuser über seine Kundschaft, ist viel von „großen Kindern“ die Rede, von Männern, die ihre kindliche Leidenschaft ins Erwachsenenalter hinüberretteten. Wobei die Begeisterung höchst unterschiedlicher Natur ist: „Es gibt die Modellbahner, die wollen nur spielen“, weiß Karthäuser. „Es gibt die Sammler, die ihre Loks in Vitrinen stellen. Und dann gibt es die Spekulanten, die ihre Modelle verpackt im Schrank lagern und darauf hoffen, dass deren Wert steigt.“ Vielleicht ist der Eigentümer der grünen Elektrolokomotive RS 700 auch so ein Spekulant. Jedenfalls spekuliert er darauf, für sein aus den 30er Jahren stammendes Spielzeug einiges zu bekommen: 1650 Euro soll das gute Stück kosten, steht auf der Vitrine, in der das historische Gefährt zur Schau gestellt wird. „Die Lok wurde schon bei Theisen gekauft“, ver­merkt Karthäuser nicht ohne Stolz. Der gebürtige Trierer – „ich wurde auf dem Mariahof geboren, nicht im Krankenhaus“ – ist Freak und Fachmann, und natürlich besaß er als Kind auch eine Eisenbahn. Seine jetzige Anlage will er schon bald seinem Enkelkind vermachen. Bereits als Schüler heuerte Karthäuser beim Theisen an, und weil der keinen Nachfolger hatte, kam Karthäuser zum Zug: Der Chef schenkte ihm 2010 den Laden, im Jahr darauf starb er.

Pädagogisch wertvoller als eine Playstation

„Die Geschäfte laufen“, sagt der Inhaber. Doch natürlich liefen sie schon besser. Modellbahnen sind nicht mehr das Spielzeug erster Wahl. Dabei ist Karthäuser überzeugt, dass Loks und Mo­dellbausätze pädagogisch wertvoller sind als etwa eine Playsta­tion: „Da drücken Sie doch nur drauf und machen ‚Badabada‘. Beim Modellbau lernen Kids was für ihre Fingermotorik und beschäftigen sich mit Elektrotechnik.“ Vielleicht verlernt man solche Sachen auch: Karthäuser erklärt mir den Unter­schied zwischen Gleich- und Wechselstrom, und das große Kind versteht endlich, weshalb es bei seiner „Fleischmann“ oft zum Kurzschluss kam …

Ein Paradies für kleine und große Kinder. Foto: Marco Piecuch

Ein Paradies für kleine und große Kinder. Foto: Marco Piecuch

Inzwischen sind Modelleisenbahnen ein Hightech-Hobby, und auch bei „Märklin Theisen“ wandern heute vor allem digitale Loks über den Ladentisch. Waren wir schon froh, mittels Mini-Glühbirnen etwas Licht in die Häuser zu bekommen oder Signale „grün“ oder „rot“ leuchten zu lassen, können digitale Loks gleich mehrere „Sounds“ fahren oder ganze Bahnsteigansagen abspie­len. „Aber ich steh nach wie vor voll auf Analog“, sagt Karthäuser.

Manchmal kommen sie noch, die kleinen Kinder. Vor ein paar Tagen sei ein 8-Jähriger mit seinem Vater dagewesen, der habe seinem Jungen auch was gekauft. „Sie hätten mal das Strah­len sehen sollen“, sagt der Verkäufer und strahlt selbst. „Ein lächelndes Kind ist für mich einfach das größte.“ Karthäuser wird unvermittelt ernst, erzählt, dass er im vergangenen Jahr nicht viel zu lachen hatte: Schwer krank war er, seither kann er sich vorstellen, seinen Laden zu verkaufen. Allerdings nur unter Bedingungen: „Das Angebot müsste stimmen, und ich muss angestellt bleiben und fair bezahlt werden.“ Karthäuser will nicht den Unersetzlichen mimen, „aber ohne mich geht es hier nicht. Außerdem steckt hier unheimlich viel Herzblut drin!“

Das spürt auch seine Stammkundschaft, auch die aus Übersee. Zweimal im Jahr reise ein Ehepaar aus Australien an, auch in den USA habe er Kunden. Nach Frankreich und Luxemburg verschickt Karthäuser regelmäßig Pakete. Doch einen Internet­handel betreibt er nicht. Aus Prinzip, wie er betont: „Die Leute sollen kommen, dann bekommen sie von mir eine fachmänni­sche Beratung und ich versuche zu helfen, wo ich kann“. Natür­lich kommen auch zu ihm die „Experten“, die mit dem Verweis auf angeblich günstigere Angebote im Internet den Preis drücken wollen. „Dann sage ich: Kaufen Sie im Internet. Und wenn Sie ein Problem haben, sprechen Sie auch mit Ihrem Internet.“

Es klingt jetzt ein wenig garstig, wie er das sagt, so gar nicht nach Karthäuser. Denn der sieht in Vielem vor allem das Positive. Dass Discounter „Märklin“-Startsets anbieten, kann ihn nicht erschüt­tern. Eine wirkliche Konkurrenz zu seinem Angebot sei das nicht, vielleicht kämen so aber einige auf den Geschmack, sich bei ihm eine richtige Modelleisenbahn zuzulegen. Und vielleicht einen ICE: „Die Kids stehen auf den ICE, aber Erwachsene wollen eher den Thalys oder den TGV“, sagt Karthäuser. In Trier wären viele schon dankbar, es führe wieder ein IC …
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